Hirsch trifft Hirschkuh
Schulterzucken und Leidenschaftslosigkeit – so lassen sich die Reaktionen auf die diesjährige Berlinale am besten zusammenfassen. Vielleicht mehr denn je fehlte dem Wettbewerb, dem Aushängeschild eines jeden Filmfestivals der A-Kategorie, an Profil. Mittelmaß dominierte. Weder gab es spektakuläre Flops noch Kontroversen noch Meisterwerke – und der Glamourfaktor war nicht hoch genug, um das zu übertünchen. Stattdessen wurden vor allem viele altbekannte Erzählformeln variiert: Das Biopic, das Kammerspiel, die Vater-Sohn-Versöhnung, die Liebesgeschichte zweier Außenseiter, die Altmännerphantasie, die Midlifecrisis-Tragikomödie - und so weiter.
Woran liegt es? An Festivalleiter Dieter Kosslick, an Hollywood, an den schlechten Zeiten? An allem. Was das beklagte Fehlen von US-Filmen anbelangt: Auch wenn Festivals boomen – die Berlinale hatte erneut ca. 300.000 Zuschauer -, haben sie für Hollywood immer weniger Bedeutung. Für das aktuelle Blockbusterkino ist die Publicity, die hier gewonnen werden kann, irrelevant, für das Renommierkino aus den USA liegt die Berlinale zeitlich ungünstig, das heißt, zu nah an der Oscar-Preisverleihung. Zudem ist das gesamte Segment des mittelhoch budgetierten Films unter Druck geraten. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung spiegelt sich auch hier wieder: Immer mehr gering budgetierten Filmen stehen einige wenige Megaproduktionen entgegen. Eine ähnliche Entwicklung ist bei den Festivals zu beobachten: Während in Cannes renommierte Regisseure selbst für Plätze in Nebenreihen Schlange stehen, wird es für andere Festivals immer schwieriger, bekannte Namen zu rekrutieren. Dass es dennoch möglich ist, sein Profil zu schärfen und dadurch Aufmerksamkeit zu bekommen, hat in den letzten Jahren das Festival von Locarno bewiesen, das mit einer wagemutigen Programmierung zumindest die Cinephilen zu begeistern vermochte.
Dieter Kosslick hatte zu Beginn seiner Amtszeit die Berlinale vor allem als politischstes der großen europäischen Filmfestivals platzieren wollen – durchaus schlüssig in der Tradition des Festivals als Produkt des Kalten Krieges in der ehemaligen Mauerstadt. Doch nachdem es viel Kritik für filmisch allzu belangloses »Themenkino« gab, scheinen Kosslick und die Auswahlkommission in dieser Hinsicht vorsichtiger geworden zu sein. Nur so ist es zu erklären, dass etwa »Chez nous« von Lucas Belvaux nicht vom Festival eingeladen wurde und stattdessen in Rotterdam seine internationale Premiere feierte. In Frankreich hatte schon der Trailer zum Film für Schlagzeilen gesorgt. Kein Wunder, ist »Chez nous« doch ganz offensichtlich eine Intervention in den laufenden Wahlkampf für das Präsidentenamt. Belvaux erzählt von einer allseits beliebten Krankenschwester, die von einem Arzt dazu überredet wird, sich in ihrer Heimatstadt im Norden Frankreichs als Bürgermeisterkandidatin für den »Patriotischen Block« aufstellen zu lassen - eine kaum verfremdete Version des Front National.
»Chez nous« ist kein cineastisches Meisterwerk, aber ein Stück gelungenes Erzählkino und überraschenderweise im europäischen Superwahljahr 2017 der einzige Film, der – mit Hilfe einer populären Form - die Verführungskräfte des Rechtspopulismus analysiert. Auch aufgrund der massiven Kampagne des Front National in Frankreich gegen den Film wäre etwa ein Platz außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale durchaus ein Statement gewesen.
Stattdessen präsentierte die Berlinale im Wettbewerb etwa Sally Potters »The Party«. Darin feiert eine britische Politikerin in kleinem Kreise ihre Ernennung zur Schattenministerin für Gesundheit. Zur Party finden sich ein: eine feministische Professorin und ihre schwangere Lebensgefährtin, ein dauerkoksender Banker mit Knarre, ein esoterische Plattitüden absondernder Alt-68er und seine zynische Freundin – und da ist dann noch der offensichtlich depressive Ehemann der Karrierepolitikerin, der gleich mehrere Geheimnisse zu beichten hat. Das nur 71-minütige Kammerspiel in Schwarzweiß versammelt viele tolle Schauspieler (Timothy Spall, Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson u.a.), gibt Bruno Ganz die Gelegenheit, sein komödiantisches Talent zu zeigen, und bleibt bis zum Ende böse und schwarzhumorig. Aber es ist auch ein Film, der alle Vorurteile gegen die angebliche linksliberale »Elite« bestätigt, die Rechtspopulisten weltweit immer wieder in Stellung bringen.
Differenzierter, aber filmisch weniger überzeugend, war da Oren Movermans ähnlich gelagerter »The Dinner«, bei dem sich während eines Abendessens zwei Paare – zwei Brüder und deren Frauen – in wechselnden Konstellationen über den Umgang mit einem Familiengeheimnis bekriegen. Hier ist es überraschender- und erfrischenderweise mal der Politiker, ein US-Kongressabgeordneter, der die Moral gegenüber dem Eigeninteresse verteidigt. Leider verheddert sich Moverman in einem Gewirr von Rückblenden, die die Motivationen der Akteure bis ins letzte ausdeuten. Dabei hätte er seinem hochkarätigen Cast (Richard Gere, Steve Coogan, Laura Linney) durchaus zutrauen können, ein Kammerspiel, das auch wirklich in der Kammer bleibt, zu tragen.
Diese beiden durch ihre Besetzung vielleicht prominentesten Titel des Wettbewerbs gingen bei der Preisverleihung leer aus. Der Goldene Bär ging am Ende nach Ungarn an »A Teströl és Lélekröl« (»On Body and Soul«) von Ildikó Enyedi. Ein Film, der die meisten Kritiker überzeugte, aber eigentlich nur das sonst so von ihnen gescholtene Arthouse-Wohlfühlkino mit Hilfe von ein paar blutigen Szenen und surrealen Einsprengseln zu nur scheinbar gewagtem Festivalkino veredelt.
Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte zwischen zwei Außenseitern. Endre ist ein alleinstehender, älterer leitender Mitarbeiter eines Schlachthofs mit einem lahmen Arm, die junge, hübsche Maria wurde dort gerade für die Qualitätskontrolle eingestellt. Mit ihrer Kleinlichkeit und ihrer abweisenden Art macht sie sich unbeliebt bei ihren Kollegen, die nicht merken, dass Maria Autistin ist. Nur der sensible Endre versteht sie. Ihre Bande wird offensichtlich, als sie feststellen, dass sie sich in ihren Träumen als Hirsch und Hirschkuh begegnen. An einem Film über die rettenden Kraft der Liebe ist ja nichts auszusetzen, aber wie solch eine Anhäufung von Arthouse-Klischees als besonders intelligent und anspruchsvoll durchgehen kann, ist zumindest mir ein Rätsel.
Verdient hätte den Goldenen Bären sicherlich Aki Kaurismäki für seine Flüchtlingstragikomödie »Die andere Seite der Hoffnung«. Der Finne, der noch nie in seiner Karriere einen Hauptpreis bei einem großen Festival gewonnen hat, mochte dann auch beim feierlichen Abschluss im Berlinale Palast gar nicht auf die Bühne kommen, um seinen Preis für die beste Regie entgegenzunehmen.