Alles im Blick: Dr. Rainer Heinz soll die Stadtverwaltung für Mitarbeiter und Bürger modernisieren, Foto: Dörthe Boxberg

Eine harte Diagnose

Die Verwaltungsreform ist im Rat beschlossen worden. Die Ziele sind ehrgeizig und müssen es sein

Zustimmung zu einer Idee erhöht auch den Druck, dass sie erfolgreich sein muss. OB Henriette Reker hat im Februar im Rat eine breite Mehrheit für ihre Verwaltungsreform erhalten. Verantwortlich für das Gelingen ist Rainer Heinz. Seit 20 Jahren ist er schon als Management-Berater für Kommunen tätig, zwischenzeitlich war er ab 2002 vier Jahre Bürgermeister und Kämmerer in Flensburg. Seit August leitet er das Amt der Oberbürgermeisterin sowie das Referat »Strategische Steuerung«. Die Verwaltungsreform, die OB Henriette Reker im Wahlkampf versprach, muss Heinz umsetzen. Grundlage ist ein ausführliches externes Gutachten und Beteiligungsprozesse in der Verwaltung, an denen im Herbst rund 3000 Mitarbeiter teilnahmen — und Defizite benannten.

 

»In München hätte man vielleicht gesagt, die Steuerungsverfahren gelingen uns gut, aber...«, so Heinz. »Doch in Köln gibt es in allen Handlungsfeldern dringenden Bedarf.« Etwa bei der Organisationskultur und Mitarbeiterführung. Bemängelt wurden zudem ineffiziente Prozesse, fehlende zielorientierte Steuerung und zu wenig Innovation. »Das ist schon eine harte Diagnose«, sagt Heinz. Hinzu kommen andere Probleme: In der Verwaltung sind rund 300 Stellen unbesetzt. Der Krankenstand liegt bei fast acht Prozent; mehr als fünf Prozent gelten als Beleg dafür, dass eine Organisation ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen kann. Einige Mitarbeiter sind überarbeitet, andere entziehen sich durch Krankschreibungen. Auch das sind Hinweise auf ein Versagen der Vorgesetzten. Fast ein Viertel der Mitarbeiter ist älter als 55 Jahre. Es droht also eine Verrentungswelle — und damit womöglich: noch mehr unbesetzte Stellen.

 

Trotzdem ist Heinz optimistisch. Er betont sogar immer wieder, die Ergebnisse der Reform dürften sich nicht erst nach fünf Jahren zeigen. Ab Ende 2017 soll jedes Jahr ein Transparenzbericht vorgelegt werden. Der Erfolg soll sich quantitativ zeigen: durch besseren Service und finanzielle Einsparungen. Aber auch qualitativ: durch zufriedenere Mitarbeiter und Bürger. Heinz will eine »wertschätzende Kultur« fördern, denn eine Organisation müsse nach innen gut sein, um auch nach außen gut sein zu können. Allerdings: Menschen handeln nicht wie Maschinen, auch das ist eine Berater-Weisheit. Sie fallen wider besseres Wissen in alte Muster zurück. Heinz weiß um die Gesetzmäßigkeit, dass nach der ersten Euphorie Zweifel und Widerstand auftauchen werden — aber wenn die Reform in diese Phase eintrete, wisse man auch, dass man auf dem richtigen Weg sei.

 

OB Reker hatte Mitte vergangenen Jahres heftige Kritik geerntet, als sie im Deutschlandradio Kultur sagte, es gebe »Leistungsträger, die hoch motiviert sind«, aber auch  Mitarbeiter, »wo ich manchmal denke, die kommen nur, um hier Schmerzensgeld zu bekommen«. Was bedeutet das für den Reformprozess? Heinz sagt, Reformen scheiterten nicht an Mitarbeitern, sondern am mangelnden Engagement der Führungskräfte. Umso wichtiger sei es, dass die Führungsebenen die Reform unbedingt wollten. Es ist aber ein offenes Geheimnis, dass sich der Führungsstil in den rund 70 Ämter oft gravierend unterscheidet. Heinz hat genug Erfahrung, um mit Widerständen zu rechnen, die gehören ohnehin zu solch einem Change Management. Gegebenenfalls müsse es auch Einzelgespräche geben, sagt Heinz — nicht als Drohung, sondern um den Unwillen zu verstehen.

 

Die Ziele sind hoch, die Ausgaben dafür allerdings auch: Heinz wurde eine externe Beratung bewilligt, mit einem jährlichen Budget von einer Million Euro bis 2022. Außerdem werden bis zu 16 neue Stellen für die Projektleitung ausgeschrieben, was ein bis anderthalb Millionen Euro teuer ist.

 

Von diesen Investitionen verspricht sich Heinz beachtliche finanzielle Effekte: Noch im Jahr 2017 sollen es fünf Millionen Euro sein, in den folgenden Jahren jeweils zehn Millionen. Der Krankenstand muss sinken, ein Prozentpunkt brächte hier pro Jahr eine »Steigerung des produktiven Personaleinsatzes« um rund elf Millionen Euro.

 

Ob seine Rechnung aufgeht, wird Heinz laufend offenlegen. Er kündigt einen jährlichen »Transparenzbericht« an, erstmals für Ende 2017. Dort sollen auch Probleme der Reform benannt werden. Ziele und Sollzustände müssten ständig überprüft werden. Gleich drei Beiräte wird es geben: einen mit Politikern, einen mit Verwaltungsmitarbeitern aller Hierarchieebenen und einen Beirat mit Vertretern von Stadtgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft.

 

Martin Börschel, Fraktionschef der SPD, will den Erfolg der Reform daran messen, ob es »Verbesserungen beim Schulbaunotstand, schnellere Baugenehmigungen für mehr bezahlbare Wohnungen sowie mehr Sicherheit und Sauberkeit auf Straßen und Plätzen« geben werde. Er sieht die Zustimmung der SPD als »Vertrauensvorschuss«, da auch seine Fraktion von einem »großen Reformbedarf« ausgehe — pikant daran ist, dass Rekers Vorgänger im OB-Amt, Jürgen Roters (SPD), von seiner Partei im Wahlkampf 2009 noch als Verwaltungsexperte angepriesen wurde. Roters gilt auch unter SPD-Politikern auf diesem Feld als gescheitert.

 

Eine Verwaltungsreform ordnete in den 90er Jahren bereits ein anderer SPD-Politiker an: der damalige Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier. Dessen autoritärer Führungsstil war berüchtigt. Sein Ziel war eine Dezentralisierung der Verwaltung, samt Auslagerung und Teilprivatisierung kommunaler Aufgaben. Rainer Heinz sagt, diese extreme Dezentralisierung habe nicht zum Ziel geführt. Er will einen Mittelweg gehen: Eigenverantwortung der Mitarbeiter, aber in einem klaren gesamtstrategischen Rahmen. Heinz ist vom Habitus das Gegenteil von Ruschmeier, er betont wie bedeutend gute, klare, wertschätzende Kommunikation für eine Organisation sei, nach innen und außen. Der neue Politikstil, den OB Reker für sich in Anspruch nimmt, zeigt sich im zukünftigen Verwaltungsstil. Für den trägt Rainer Heinz nun die Verantwortung.