Blind Dates, Sackgassen und eine sympathische Dame mit Auto

Oliver Polak hat den Grimme-Preis für seine ProSieben-Sendung »Applaus und raus« bekommen. Das sagt viel über deutsche TV-Unterhaltung. Polaks Sendung ist ein Blind-Date-Talk: Langweilt ihn ein Gast, muss er gehen. Polak darf bleiben, selbst wenn seine Gags uninspirierter sind als die Gäste. Aber die Kontroverse, die fast zur Auflösung der Jury führte, entzündete sich am Hashtag zur Show #GastoderSpast. Jury-Mitglied und taz-Redakteur Jürn Kruse schrieb Polak einen Offenen Brief: »Ich weiß, dass Ihre Sicht auf Inklusion die ist, dass erst derjenige in unserer Gesellschaft ernst genommen wird, über den auch gelacht wird.« Doch allein den Witz vermag Kruse nicht zu erkennen: »Das einzige, woran Sie mit diesem Reim mitgewirkt haben, ist die Etablierung eines Jahrzehnte alten Schimpfworts gegen Menschen mit Behinderungen.« Und so schließt Kruse versöhnlich-ambivalent: »Herr Polak, ich gratuliere Ihnen wirklich aufrichtig zu Ihrem ersten Grimme-Preis. Aber ich hätte Sie nicht ausgezeichnet.«

 

Dass es nicht einfach ist, die Menschen zu unterhalten, weiß die Chefin der RTL Group Anke Schäferkordt nur zu gut. Deshalb zieht sie sich aus ebendieser Group raus und wird fortan nur noch das Deutschland-Geschäft des Senders leiten. Da warten einige Herausforderungen, denn Netflix und Amazon sind für RTL und SAT1 das, was RTL und SAT1 einmal für ARD und ZDF waren: unbequeme neue Gegner. Geld fließt dennoch: 6,24 Milliarden Euro nahm die RTL Group letztes Jahr ein, der Gewinn stieg um 3,3 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Doch je größer Netflix & Co. auf dem Markt mit US-Serien werden, desto mehr will sich Schäferkordt dort zurückziehen und auf Eigenproduktionen statt Einkauf setzen. Die Senderchefin setzt auch auf politischen Beistand gegen Facebook und Google: Wenn Werberegulierungen so blieben wie bisher, würden die TV-Sender rechts überholt von Anbietern, die ausschließlich bei YouTube senden. Man konkurriere mit unterschiedlichen Voraussetzungen auf denselben Endgeräten, erklärt Schäferkordt, Facebook und Google seien auf »Vorfahrtstraßen« unterwegs, während die konventionellen Sender — um im Bild zu bleiben — in Sackgassen steuerten.

 

Wo sind eigentlich die kleinen Leute? Der langjährige Chef des Kölner Stadtanzeigers Franz Sommerfeld hat sich in einem Essay auf die Suche gemacht. Er fand sie nicht im Feuilleton und auch nicht in TV-Magazinen. Mit der Zeit müssten die kleinen Leute feststellen, so Sommerfeld, »dass sie in der schönen neuen Medienwelt nicht erwünscht sind. Zumindest nicht als Subjekt.« Sie würden lediglich »als Freaks in Gerichtsshows oder als Dödel in Ratgebersendungen« zugelassen. Sommerfeld macht sogleich einen Schuldigen aus, der ungefähr seit 1968 an allen Fehlentwicklungen schuld zu sein scheint: Eine autoritär-ökologisch geprägte Mittel- und Oberschicht, deren schärfste Waffe die brutale Abwertung aller anderen Lebensweisen und ein nie dagewesener Kulturkolonialismus sei. Sommerfelds Forderung: »In Zeitungen nicht nur mit unverhohlener Sympathie über die Umwidmung von Fahrstreifen zu Fahrradwegen zu berichten, sondern auch über die Sorgen einer übergewichtigen 76-jährigen Rentnerin, die ihr altes Dieselauto nicht gegen einen neuen Wagen eintauschen kann und das Fahrverbot fürchtet.« — Wurde je schöner als durch Sommerfeld in Gestalt dieser Dame mit »kleinen Leuten« ein Gesicht gegeben?