Act Global, think Local
»Uyai« heißt der Zweitling des Underground-Tipps Ibibio Sound Machine. Zwischen Highlife, Afrobeat und elektronischer Instrumentierung lugt eine fast schon gospelhafte Stimme hervor. Sie gehört Frontfrau Eno Williams. Die nigerianische Londonerin und ihr Partner Max Grunhard haben sich mit sechs weiteren Musikern aus allen Herren Länder zu einer Combo zusammengeschlossen, die sich nicht der Retrowelle hingibt, sondern versucht, etwas anderes zu einzuspielen als eine afrikanische Platte. Auch wenn Williams vornehmlich in der südnigerianischen Sprache Ibibio Texte über Kraft, Gemeinschaft und Freiheit vorträgt, wollen sie nicht einfach im »World Music«-Fach landen. Sie haben sich den elektronischen Klangerzeugern verschrieben und sich englischen Pop-Produktionen der letzten Jahre angenähert.
Wie und wo trifft sich eigentlich eine Band, die eine so große Spannweite an Nationalitäten und Herkünften — Ghana, Frankreich, Australien, Nigeria, England — vereint?
Eno Williams: London ist erstmal der Grund. Es ist in Europa wahrscheinlich immer noch die kosmopolitischste Stadt. Wir alle haben in der Vergangenheit anderen Kram gemacht, kannten uns aber irgendwie aus verschiedenen Projekten, und auf einmal standen wir als Gruppe da. Von mir kam die Idee, etwas in Ibibio zu machen, und alle fanden das gut. Alfred kam dann mit der Hi-Life-Gitarrensounds dazu. Max und Tony und Scott haben einen Jazz-Background.
Max Grunhard: Obwohl die Stadt so groß ist, sind die Szenen teilweise doch recht klein.
Wie sieht denn eure Szene aus?
Max: Es sind nicht viele Leute, die mit den verschiedenen »afrikanischen« Sounds experimentieren, Partys machen, Konzerte veranstalten. Gut ist, dass viele Leute mit afrikanischen Wurzeln in London leben. Auch wenn die nicht alle zu den Partys kommen, gibt es ein tiefer liegendes Gefühl, das die Stadt dadurch lebt.
Würdet ihr sagen, dass ihr afrikanische Musik macht? Oder dass »Uyai« eine afrikanische Platte ist?
Eno: Es ist keine afrikanische Platte. Es ist eine Reflexion mehrerer Leute, ihres Backgrounds und ihrer Identitäten auf etwas, was man global betrachten muss. Wie Musik eben ist — eine Fusion aller Einflüsse.
Glaubt ihr, dass dieses Album schon vor zwanzig Jahren möglich gewesen wäre? Oder ist Ibibio Sound Machine die Konsequenzs aus der Erschließung von Musikarchiven durch das Internet?
Max: Das ist tatsächlich eine Frage, die man sich selbst häufiger stellt. Es gibt — das ist auch toll, versteh mich da nicht falsch — einige Bands, die versuchen zurückzublicken und zu erforschen, wie man diesen Sound, etwa von alten Fela Kuti-Platten, hinbekommt.
Eno: Es ging uns darum, dem afrikanischen Sound, als Grundlage unserer Platte, neues Leben einzuhauchen. Ich möchte sogar weitergehen: An vielen Stellen war es unser Ziel, futuristisch zu klingen.
Ich finde sehr spannend, Ibibio mit Englisch zu verbinden. War dieser Einfall eine Strategie, um, wenn ihr so wollt, exotisch zu klingen ohne Exotismen zu produzieren?
Eno: Leute wollen, wenn sie es gut finden, auch wissen, was man singt. Ich liefere den Background des Songs gerne noch auf Englisch. Andererseits ist es einfach so, dass es sehr gut passte, beide Sprachen, in denen ich mich verständige, zusammenzufassen.
Wie sieht das aus, wenn die Leute mitsingen?
Eno: Das ist eigentlich spannend und lustig zu gleich: Leute, die die Lyrics lernen, ohne diese recht komplexe Sprache zu kennen. Finde ich super. Man kennt das ja selbst, dass man was hört, was man nicht versteht, aber mitsingen möchte. Dass da Gefühle ausgedrückt werden, die man nachvollziehen kann.
Ihr seid eine globale Band und predigt auch die globale Sicht. Ist das schon, ob intendiert oder nicht, eine politische Botschaft?
Eno: Ich glaube, wir vermitteln durchaus, dass man mehr als gut zusammenleben kann, wenn man es zulässt. Und als Band hofft man immer, positive Zeichen zu setzen. Vielleicht klappt das ja.
Max: Jeder merkt, dass sich da gerade was wandelt. Oder gewandelt hat. Das wissen wir in London nur all zu gut. Wir wissen auch nicht, wie es weitergeht. Aber ich finde es bemerkenswert — und es sagt sehr viel über die derzeitige Situation aus —, dass unsere Band, die einfach nur eine Botschaft des Positiven vermitteln möchte, als politisch gewertet werden kann — oder muss.
Eno: Empowerment und Freiheit sind das gedankliche Rückgrat
der Platte. Wenn das politisch ist, dann gerne.
Wie schätzt ihr den Brexit ein?
Max: Bemerkenswert ist, dass all die Zuschreibungen, die man dem Rest der Welt gemacht hat, wie zum Beispiel mangelndes Demokratieverständnis oder fehlende Freiheiten, jetzt im UK und den USA, Frankreich und Deutschland angekommen sind und gewählt werden. Es scheint, als wäre die Antwort der Menschen, die Angst vor einer Welt haben, die sich endlich bewegt — weg von der Ausbeutung durch westliche Staaten — die Unfreiheit. Es ging beim Brexit nicht darum, ob man Teil Europas sein möchte. Es war die Wahl zwischen progressiven Kräften und den Verängstigten.
Tonträger: Ibibio Sound Machine, »Uyai« ist bereits auf Merge Records/Cargo erschienen.