»Man sieht sich, fühlt sich und singt gemeinsam«

Christophe Kühl organisiert die Demonstrationen von »Pulse of Europe« in Köln

Herr Kühl, es heißt, die Gründung von »Pulse of Europe« sei eine Art Schockreaktion auf den Brexit und die Wahl Donald Trumps gewesen.

 

Das stimmt. Unsere Generation denkt ja, Politik sei etwas, das andere für sie erledigen. Wir gucken uns das Geschehen an, vertrauen den Meinungsforschern, denken, Trump gewinnt nicht, der Brexit kommt nicht. Wir sind die modernen Biedermeier. Das galt auch für mich und meine Frau. Als unser Freund Daniel Röder, der Pulse of Europe gegründet hat, mich fragte, ob wir die Demos in Köln organisieren würden, war meine erste Reaktion: keine Zeit. Aber bald dachten wir: Es kann nicht sein, dass wir uns ständig über den Lauf der Welt beschweren, aber den Arsch nicht hoch­kriegen.



Inzwischen haben in Österreich und in den Niederlanden proeuropäische Kandidaten gewonnen. Halten Sie es trotzdem für möglich, dass die EU auseinanderbricht? Natürlich.

 

Wir haben Wahlen in Frankreich, Deutschland und vielleicht auch in Italien vor uns. Wenn wir noch einmal überrascht werden sollten, ist es zu spät. Le Pen ist eine reale Gefahr. Wenn wir eins kommunizieren wollen, dann: Es reicht nicht, etwas zu liken, ihr müsst wählen gehen, sonst gewinnen die antieuropäischen Spalter.

 

Nicht nur Rechtspopulisten stellen eine Gefahr für die EU dar. Viele Probleme sind hausgemacht: Etwa die Austeritätspolitik oder das fragwürdige Wahlrecht bei den Europawahlen. Was sagt Ihre Initiative dazu? Ihre 10 Grundthesen sind ja eher allgemein gehalten. Eine lautet schlicht: »Vielfalt und Gemeinsames«.

 

Die Einstiegsschwelle haben wir bewusst niedrig gesetzt. Erstmal müssen wir Europa retten. Wenn Frankreich antieuropäisch wählt, brauchen wir uns gar keine Gedanken mehr darüber zu machen, wie wir Europa reformieren. Aber selbstverständlich müssen wir dann einen Reformprozess anstoßen. Ich sehe es aber nicht als unsere Aufgabe, ein Politikprogramm zu entwerfen. Wir können flankierend als eine Art Think Tank Ideen entwickeln, aber den inhaltlichen Prozess sehen wir erstmal bei den Parteien.

 

Wenn Sie keinerlei Aussagen über den Kurs der EU machen wollen — ist Pulse of Europe dann überhaupt eine politische Bewegung?

 

Ich persönlich glaube, dass wir ein engeres Europa brauchen, in dem mehr Kompetenzen von den Mitgliedsstaaten auf die Union verlagert werden. Aber das ist keine offizielle Pulse-of-Europe-Meinung. Uns geht es vor allem darum, Europa attraktiver machen. Es war lange Zeit nicht hoffähig, positiv über Europa zu reden. Wir tun es, damit die Leute sehen: Die Mehrheit ist für Europa. Das soll auch die Politik zu Kenntnis nehmen und eine europafreundliche Politik machen. Ob das jetzt eine konservative, liberale oder grüne Partei ist — da sind wir vielfältig.

 

Auf Ihren Kundgebungen haben der Kabarettist Jürgen Becker, Pfarrer Franz Meurer und Ex-Sportreporter Manni Breuckmann gesprochen. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Redner aus?

 

Schwerpunkt unserer Veranstaltungen ist das Bürger-Mikrofon, das jedem offen steht. Das geht vom Ökonomen, der dringende Reformen im Umgang mit den Griechen anmahnt, über den Zwölfjährigen, der von seinem Schulaustausch mit England erzählt, bis zur Großmutter, die noch den Krieg erlebt hat. Daneben laden wir aber auch gezielt europa­freundliche Kölner Prominente ein, um zusätzliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch die Bläck Fööss waren da und haben »Unsere Stammbaum« gesungen. Neben der »Ode an die Freude« ist das hier in Köln so etwas wie unsere zweite Hymne geworden.


 
In Köln scheint es kein politisches Statement ohne Gesang und Brauchtumspflege zu geben. Ist Pulse of Europe am Dom noch eine Demo oder schon Karneval?

 

Unsere Kundgebungen dauern eine Stunde, davon nimmt das Singen vielleicht fünf Minuten ein, der Rest sind Wortbeiträge. Aber die Kölner singen eben gern. Als Daniel Röder mir von seinen Plänen erzählte, als Abschluss der Veranstaltungen eine Menschenkette zu bilden, dachte ich: Ey Daniel, das ist so 80er. De facto ist es einer der ganz starken Momente der Versammlung. Die Leute begegnen einander wieder außerhalb der sozialen Netzwerke. Man sieht sich, fühlt sich und singt gemeinsam, aber ohne, dass eine doofe Schunkelatmosphäre entsteht.