33. Internationale Stummfilmtage
Über mehr als drei Dekaden hat Stefan Drößler die Formel für das von ihm zusammengestellte Open-Air-Stummfilm-Programm in Bonn entwickelt und verfeinert. Der erfahrene Besucher weiß: Sicher wird er etwas mit Stummfilmkomikern auswählen, und siehe, der erste Film des Programms ist ein wenig bekannter, aber schöner Einakter von Charlie Chaplin, »Vergnügte Stunden« (1919). Ein Kuriosum muss auch sein, das ist in diesem Jahr James Searle Dawleys allein historisch interessanter »Frankenstein« (1910). Wenn auch etwas mit Lokalbezug verfügbar ist: Immer her damit, weshalb Hans Otto Löwensteins etwas sehr ambitionierter »Beethoven« (1927) gezeigt wird. Dokumentarfilme dürfen — ein Segen! — auch nie fehlen. Und so erfreuen einen dieses Jahr László Moholy-Nagys kanonisiertes Meisterwerk »Großstadtzigeuner« (1932) und Mori Kanames »Wie man sich in Tokio benimmt« (1926), eine Auftragsproduktion des japanischen Staates, in dem das einheimische Publikum sehen sollte, wie aufregend und modern die drei Jahre zuvor bei einem Jahrhunderterbeben verwüstete Hauptstadt neu aufgebaut wurde. Ebenfalls stets dabei ist die französische Avantgarde, vertreten durch Jean Epsteins Evergreen »Der Untergang des Hauses Usher« (1928) sowie einem Meisterwerk seiner zu wenig bekannten Schwester Marie, »Pfirsichhaut« (1929; -Ko-Regie: Jean Benoit-Lévy).
Den einen zieht es zum Artifiziellen, Ausgestellten, zur Abstraktion, die andere zum Verismus, dem Alltäglichen, auch Zufälligen. Im Revolutionsjahr darf daher die UdSSR noch weniger denn je fehlen, diesmal vertreten mit Jakow Protasanows »Der Flug zum Mars« (1924), einer Feierstunde für den russischen Raumfahrtwegbereiter Konstantin Eduardowitsch Ziolkowski. Außerdem wird ein feines Stück Regionalkunst vom georgischen Imperiumsrand präsentiert: Nikolos Schengelajas »Elisso« (1928). Das reichsdeutsche Prachtwerk »Der Adjudant des Zaren« (1929) von Revolutionsflüchtling Vladimir Strijewskijs bedient schließlich zusammen mit Allan Dwans am Wendekreis von Stumm- zum Tonfilm realisiertem »Die eiserne Maske« (1929) Drösslers Vorliebe für Abenteuer-Ausstattungs-Filme. Es gibt also wieder viel zu entdecken!