Der schweigsame Fremde
Valeska Grisebach ist mit Westernfilmen im Fernsehen aufgewachsen. Mit dem Genre verbindet die 49-jährige, wie sie sagt, »bis heute ungebrochen eine eigenartige heimelige Faszination«. Das gab den Impuls zu »Western«, der jetzt, elf Jahre nach ihrem zweiten Spielfilm »Sehnsucht«, in die Kinos kommt. Wie zu erwarten, ist dabei allerdings kein Genrefilm entstanden. Dass der Film »Western« heißt, erinnert an konkrete Titel abstrakter Gemälde: Die so geweckten Assoziationen erweisen sich als fruchtbar, doch mindestens ebenso reizvoll wirken die Lücken, die zwischen Form, Stoff und Titel bleiben.
Im Zentrum des Films steht eine Gruppe deutscher Bauarbeiter, die in der bulgarischen Provinz ein Infrastrukturprojekt umsetzen soll. Was genau geplant ist, wird dabei ebenso wenig deutlich, wie die Gründe, warum die Arbeiten ins Stocken geraten. Jedenfalls lassen Materiallieferungen auf sich warten, und es mangelt an Wasser. Während seine Kollegen in einer abgelegenen Behausung unter sich bleiben, sucht Meinhard (verkörpert von Meinhard Neumann, der wie alle anderen Darsteller Laie ist) Kontakt zu den Bewohnern des nächsten Dorfes. Bald spielt er sogar mit dem Gedanken, in der Fremde einen Neuanfang zu wagen. Zumindest deutet er das an — wohl wissend, dass seine einheimische Gesprächspartnerin ihn nicht verstehen kann.
Wie ernst die Worte dieses lakonischen Mannes zu nehmen sind, bleibt offen. Irgendwann kommt das Gerücht auf, Meinhard sei Fremdenlegionär gewesen, was er betont einsilbig kommentiert. Damit zeichnet sich beiläufig ein Thema ab, das man aus dem Westerngenre kennt, wo mancher abgehalfterte Haudegen damit ringt, sich in der Fremde neu zu erfinden. Überhaupt lässt sich in »Western« so manches Genrezitat entdecken, vom dünn besiedelten, bergigen Handlungsort bis zum Topos des Pferdediebstahls.
Ein Schimmel, der Meinhard zuläuft, bevor er ihm geklaut wird, scheint prädestiniert, einen der Konflikte ausbrechen zu lassen, die unter den Gastarbeitern sowie zwischen ihnen und den Einheimischen schwelen. Die ebenso präzise wie luftig-impressionistische Dramaturgie von Grisebach, deren Filme ohne festes Drehbuch auskommen, sabotiert allerdings jede naheliegende dramatische Zuspitzung. Nach eigenen Angaben war die Filmemacherin besonders am Genremotiv des Duells interessiert. Doch der spröde Zauber von »Western« liegt gerade darin, dass hier niemand einen Revolver abfeuert.
Western. D/A/BUL 2017, R: Valeska Grisebach, D: Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Detlef Schaich, 119 Min.