Kampf gegen sich selbst

Robert Pattinson hat sein »Twilight«-Startum weit hinter sich gelassen — das zeigt das Film Festival Cologne mit seinem aktuellen Film Good Time

Die Geschichte von den Tölpeln, die eine Bank ausrauben und sich dabei ins Verderben stürzen, reizt Filmemacher immer wieder — vielleicht, weil sie sich für Kommentare über die Natur des Menschen genauso eignet wie als Fingerübung in Sachen Stil und Tempo. Und wenn Herzblut und Risikobereitschaft mit im Spiel sind, dann entstehen bei den Variationen dieses Standards noch immer Kino-Rohdiamanten. So wie »Good Time«, den das Film Festival Cologne nach seiner Cannes-Premiere jetzt in Köln zeigt.

 

Viel Herzblut und Lust am Kino-Exzess bringt auch der 1986 geborene Hauptdarsteller Robert Pattinson mit, der gerade auch für Dreharbeiten in Köln weilt. In dem Film der beiden New Yorker Brüder Benny und Josh Safdie spielt er Connie Nikas, einen verwahrlosten Außenseiter, der seinen zurückgebliebenen Bruder Nick (Regisseur Ben Safdie selbst) aus einer Sitzung beim Psychologen zu einem Bankraub schleift. Die Masken sitzen zwar, doch die Farbpatrone im Geldsack, die auf der Flucht hochgeht, gibt beide preis. Nick landet erst im Knast und dann dank seines Temperaments auf der Intensivstation eines Hospitals, während Connie sich kopfüber in eine Odyssee durch die New Yorker Unterwelt stürzt, um seinen Bruder zu befreien.

 

»Good Time« ist eine Reise ins Herz der Nacht, mit schnellen Schnitten, oft unübersichtlichen Nahaufnahmen und vielen gesättigt-grellen Farbflächen, in die sich eine harte Schwärze frisst. Angestachelt wird das Ganze vom atemlos delirierenden, pumpend-treibenden Soundtrack von Oneohtrix Point Never. Aufsehenerregend ist »Good Time« aber auch als Demontage der Star-Persona Robert Pattinsons. Als Romanzen-Vampir Edward aus der puritanischen »Twilight«-Saga ist er berühmt, reich und offenbar auch künstlerisch unabhängig geworden. Zumindest ist seitdem eine rege Spielfreude zu beobachten, mit der er sein Image als Teenie-Beau torpediert: Da spült sich einer den »Twilight«-Glamour mit Inbrunst aus den Poren.

 

Und sammelt große Regisseursnamen im eigenen Portfolio wie sonst vielleicht nur noch seine »Twilight«-Gespielin Kristen Stewart. An der Seite des Hollywood-Klassizisten James Gray zog Pattinson vor kurzem in den Amazonas-Dschungel (»Die versunkene Stadt Z«), für Retro-Stilist Antonin Corbijn spielte er in »Life« den legendären Fotografen Dennis Stock. In einem Flirt mit der Lächerlichkeit ließ er sich von Werner Herzog in »Die Königin der Wüste« mit Tuch auf dem Kopf düpieren: Als Lawrence von Arabien darf er hier Nicole Kidman zwei Babylöwen hinterhertragen.

Den Ausgangspunkt seiner Selbst-Dekonstruktion markierte David Cronenbergs Don-DeLillo-Verfilmung »Cosmopolis« (2012). Darin spielt Pattinson einen gestriegelten Milliardär, dem es bei einer Fahrt in einem gepanzerten Luxuswagen durch das zerrüttete Manhattan dämmert, dass ihm der auch ganz konkret gedachte Zugriff auf die Realität abhanden kommt. Diese Bewegung vom wattierten Komfort eines Lebens im Überüberfluß hin zu einer Auseinandersetzung mit dem blanken physischen Sein steht sinnbildlich für eine Bewegung, die seitdem auch Pattinson selbst vollzieht.

 

In »Good Time« findet sein Versuch der Image-Demontage einen vorläufigen Höhepunkt: In dem Film geht es zwar denkbar beiläufig, doch bemerkenswert konsequent stets auch um dessen äußere Erscheinung. Wenn seinem Connie nicht gerade hektisch rote Flecken und schimmernde Schweißflächen im unrasierten Gesicht stehen, dann nur, weil er gerade hinter einer Latexmaske zum Verschwinden gebracht wird oder sein Gesicht nach der Farbpatronen-Explosionen ketchuprot erstrahlt. In einem eher erfolglosen Versuch, sich einen anderen Look zu verpassen, färbt er sich die Haare strohgelb, während ihm die Dunkelheit der Nacht und die gnadenlosen Close-Ups das Antlitz zerteilen. Wenn Robert Pattinson schon nicht aus seiner Haut kann, so kann er diese doch — zum Gewinn für ein körperlich kompromissloses Kino — zum Schauplatz eines grandiosen Kampfes gegen sich selbst erklären.