Putsch und Paranoia

Mit Tal der Wölfe: Vaterland startet der vierte Teil der ultranationalistischen türkischen Agentenserie in Deutschland — sie spaltet auch die türkische Filmszene

Als 2006 »Tal der Wölfe — Irak« trotz — oder wegen? — antiamerikanischer Grundhaltung und antisemitischer Figurenzeichnung über 400.000 meist deutschtürkische Zuschauer in die Kinos zog, fand das Phänomen Eingang ins hiesige Feuilleton. Protagonist Polat Alemdar, die türkische Antwort auf James Bond, hat mittlerweile in mehreren Kinofilmen und Fernsehserien ordentlich aufgeräumt: unter PKK-Terroristen und Mossad-Agenten, inländischen Geheimorganisationen und ausländischem Großkapital. Mit schwerer Pyrotechnik, Kugelhagelschauern und Helikoptergeschwadern räuchert er jeden Krisenherd aus und stößt dabei auf ausländische Machenschaften und den CIA.

 

Diese Gegenperspektive zu Hollywood, häufig an reale Ereignisse angelehnt, findet natürlich auch Zuspruch in der Türkei — polarisiert dort aber ebenso Publikum wie Filmszene: Serdar Aker, einstmals Mitglied des Independent-Kollektivs Yeni Sinemacilar (»Neue Filmemacher«), fiel in Ungnade, als er die Regie für »Tal der Wölfe — Irak« übernahm. Seither wächst die Kluft unter den Filmemachern — zwischen denen, die keine klare Position beziehen, um ihre Förderung nicht zu gefährden — wie der Berlinale-Sieger Semih Kaplanoglu oder der renommierte Künstler-Filmemacher Kutlug Ataman — und offenen Kritikern, die von Mob und Medien unter Stress gesetzt werden. Der populäre Sänger Mahsun Kirmizgül, gefeierter Regisseur des Kurdendramas »I Saw the Sun«, wird mittlerweile als Kurdensympathisant bedroht; Filmemacher Mustafa Altioklar, im Nebenberuf Arzt, drohte ein Prozess, nachdem er Erdogan eine narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert hatte. Jetzt lebt er in Berlin.

 

»Tal der Wölfe« pflegt einen Utranationalismus, dem Militäreinsätze probates Mittel sind, ausländische wie inländische Machenschaften zu unterbinden. Doch nach dem Putschversuch 2016 ist das Militär unter Pauschalverdacht geraten, den vermeintlichen Drahtzieher Fethullah »Fetö« Gülen zu unterstützen. Im neuen »Tal der Wölfe: Vaterland« (konnte vor Redaktionsschluss nicht gesehen werden) ermittelt Alemdar gegen einen finsteren Strippenzieher im fernen Pennsylvania — dem Wohnort Gülens. Ideologisch scheinbar linientreu also, doch Achtung: Ali Avci, dessen propagandistischer »Reis« über den jungen Erdogan unlängst in deutschen Kinosälen zu sehen war, wurde sein Film über den Putschversuch zum Verhängnis. Im Trailer von »Uyanis« (»Erwachen«) wird Erdogans Familie — historisch inkorrekt — niedergemacht, der Staatschef selbst schaut ohnmächtig in eine Pistolenmündung. Dass das wohl nur als fiktive Angstfantasie gedacht war — geschenkt. Avci wurde verhaftet: Terrorverdacht im Dienst von »Fetö«!