Kino wider alle Ordnungsversuche
Filme sollte man stets als Teile von etwas Größerem denken, das sich aber unseren letztlich lächerlichen Ordnungsversuchen durch Kanonbildung oder Hierarchisierung listig widersetzt. Kino ist vielleicht immer dann brillant, wenn es nicht passt. Nehmen wir Ehren-Oscar- und Ehren-Bären-Träger Andrzej Wajda: Seine Filmografie besteht zu einem erstaunlich umfangreichen Teil aus Werken, die nicht in die große kritisch-historisch etablierte Erzählung vom Filmer des Schicksals der polnischen Nation passen. Wajda hat wie ein Wahnsinniger herumexperimentiert, mit Genres, Formen und Formeln, ist meist gescheitert, hat dabei aber stets Faszinierendes geschaffen. Sein irrlichterndstes Werk ist eine Adaption von Joseph Conrads Roman »Die Schattenlinie«, die im Oktober das Düsseldorfer Filmmuseum zeigt. »Smuga cienia« (1976), so der Originaltitel, schafft es, Regel und Abweichung zugleich zu sein — Top-Genrekino und düster-fatalistische Meditation über den Kollaps sozialer Kontexte. Wajda selbst fand, der Film sei ein Desaster — da hat er sich wohl geirrt.
Der vergessene DDR-Regisseur Günter Reisch, dessen Meisterschaft wiederzuentdecken wäre, hatte nur zwei Hauptregister, die aber angenehm konträr waren. Zum einen große Staatserzählungen, die er meist mit hintersinniger Gelassenheit anging — Parole: Ball flach halten. Andererseits: kleine Komödien, deren Moral viel systemtragender war, auch oder gerade in ihren bockigen Momenten. Sein vom Filmclub 813 zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution gezeigter »Unterwegs zu Lenin« (1969) gehört, wie der Titel unsubtil ahnen lässt, zu ersterem Schaffensstrang. Die Brüche dieses unfassbar schönen Films erinnern aber eher an den zweiten. So leicht lassen sich genuin aufregende Gesamtwerke eben nie filetieren.
Spalt- und Ausgrenzungsversuche fliegen einem eh irgendwann um die Ohren — etwa den Autoren der »Dortmunder Gruppe 61«, welche einst Hans Henning »Moppel« Claer verspotteten. Der Bergkamener Bulle, Boxer und Bergmann wurde mit seinem Gustostück proletarischer Popliteratur »Lass jucken, Kumpel« Anfang der 70er Jahre zum Antistar des BRD-Romans. Mit der kongenialen Leinwandadaption durch Ernst »Zwetschi« Marischka folgte die Erhöhung zur Instant-ikone der BRD-Film-Verworfenheit. Heute ergreift »Lass jucken, Kumpel« (1972) vor allem als lüsterliches Postscriptum für eine damals schon tote Kultur, die aus bockiger Lebenswut aber die eigene Unverwüstbarkeit behauptete.