Happy End

Michael Haneke zeigt eine Oberschicht, die sich selbst der größte Feind ist

Es ist sicher kein Zufall, dass Michael Haneke seinen neuesten Spielfilm in Calais angesiedelt hat, also an einem Brennpunkt der europäischen Flüchtlingskrise. Am Rande streift die Handlung von »Happy End« auch das Thema Migration. Einmal kommt die marokkanische Herkunft eines Ehepaars zur Sprache, das als Dienstpersonal im Haushalt der Protagonisten, der großbürgerlichen Familie Laurent, wohnt. Und bei einem Familienfest tauchen afrikanische Flüchtlinge im Schlepptau eines Gastes auf. Darin mag man eine Metapher auf den Umgang Europas mit dem Thema Migration erkennen, doch gelegentliche Verweise auf diese brennende Frage der Gegenwart unterstreichen vor allem, wie inzestuös und selbstreferenziell dieser Stoff sonst wirkt.

 

Vom neugeborenen Nachwuchs einmal abgesehen, kommt in »Happy End« die Perspektive jedes Mitglieds der Familie Laurent zum Tragen, deren drei Generationen eine alte Villa bewohnen. An der Spitze steht die resolute Anne, die von ihrem Vater Georges ein international agierendes Bauunternehmen übernommen hat. Ihren Sohn Pierre bereitet sie auf die Nachfolge vor, während sie mit einem Liquiditätsengpass kämpft und ihre Heirat mit einem britischen Firmenanwalt plant. Annes Bruder Thomas hat mit seiner Ehefrau ein Baby bekommen und muss zugleich größere Verantwortung für seine dreizehnjährige Tochter aus erster Ehe übernehmen. Derweil wird der im Rollstuhl sitzende Georges allmählich dement und erschreckt sein Umfeld mit Selbstmordgerede.

 

Da Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert hier wieder (in Hochform) ein Vater-Tochter-Duo verkörpern, drängt sich die Erinnerung an Hanekes allseits gefeierten Vorgängerfilm »Liebe« (2012) auf, zumal ein Dialog von Georges ausdrücklich an dessen Handlungsfaden anknüpft. Überhaupt zitiert sich der Filmemacher in »Happy End« unverblümt selbst. Das gilt etwa für die masochistische Lust, die er wie schon in »Die Klavierspielerin« (2001) einer Musikerin zuschreibt. Und es gilt für die monströsen Abgründe, die sich wie zuletzt in »Das weiße Band« (2009) hinter der Fassade jugendlicher Unschuld auftun — beziehungsweise dahinter vermuten lassen. Die Liste ließe sich fortsetzen; nach eindreiviertel Stunden Filmdauer könnte man meinen, ein Potpourri aus dem bisherigen Œuvre des 75-jährigen Österreichers gesehen zu haben.

 

Dass das Ganze trotzdem nie langweilig wird, liegt nicht zuletzt daran, dass die eigenwillige Dramaturgie regelmäßig Denksportaufgaben stellt. Der Film beginnt mit zwei kurzen Handyvideos, auf die Aufnahmen der Überwachungskamera einer Baustelle folgen. Da zunächst jeglicher Kontext fehlt, kann man unmöglich ahnen, welche Bedeutung diese scheinbar dokumentarischen Bilder für das folgende Geschehen haben werden, und auch im Nachhinein kann man nicht sicher sein, welche Beweiskraft ihnen zukommt. Unklarheit hinterlassen auch Szenen, in denen die Handlung sich in großer Entfernung und außer Hörweite ereignet.

 

Auch diese spröde, strenge Ästhetik kennt man bereits aus früheren Werken von Haneke und seinen regelmäßigen Mitarbeitern, Kameramann Christian Berger und Cutterin Monika Willi. Allerdings wirkte sie nie so unangestrengt wie hier. Der Filmemacher zeigt sich un--gewohnt ironisch, während er zugleich auf Pointen verzichtet und keinen der dünnen, elliptischen Handlungsfäden zu einem Höhepunkt treibt. In »Happy End« kommt es zu Todesfällen, Streitereien und Gemeinheiten, aber am Ende stellt sich die Frage, ob für die Laurents nicht dennoch alles beim Alten bleibt. Genau darin liegt vielleicht die Erkenntnis, die dieser Film bereithält: Dass die Oberschicht sich so nachhaltig abgekapselt hat, dass sie trotz selbstzerstörerischer Tendenzen von allem, was den Rest der Gesellschaft berührt, unbeeindruckt bleiben kann.