Aus entgegen­gesetzter Richtung

Die fünfte Ausgabe der Filmreihe der Videonale.scope widmet sich

Sharon Lockhart und Kevin Jerome Everson

Sharon Lockhart und Kevin Jerome Everson haben eins gemeinsam: Sie sind beide unglaublich nett und stets zu einem Plausch bereit. Diese Aufgeschlossenheit hat sehr viel mit ihrer Art von Kunstschaffen zu tun: Beide gehen gerne in Gemeinschaften hinein und wirken aus deren Mitte heraus. Für diese Arbeitsweise braucht es einen offenen Geist, der am jeweiligen Gegenüber interessiert ist.

 

Andererseits könnte man die Werke der beiden fast gleichaltrigen Filmschaffenden (Lockhart Jahrgang 1964, Everson 1965) niemals miteinander verwechseln: gestalterisch sind sie völlig gegensätzlich. Lockhart etwa sucht stets nach choreographierten Situationen respektive Alltagsritualen, die sie dann in streng kalkulierte Arrangements transformiert und so sicht- bzw. spürbar macht. In ihrem mittellangen Debut »Goshogaoka« (1998) werden z.B. Basketballtrainingseinheiten zu Gruppentanzbewegungen stilisiert; in »Teatro Amazonas« (1999) beobachtet die Kamera das Publikum eines Konzerts, welches man zwar zu hören, aber nicht zu sehen bekommt; bei »Nō« (2003) wiederum wird Feldarbeit zu Landschaftskunst und in »Podwórka« (2009) verwandelt sich ein Łódźer Hinterhof zur Bühne alltäglichen Teenager-Unbehagens an der Welt. Und mit »Five Dances and Nine Wall Carpets by Noa Eshkol« und »Four Exercises in Eshkol-Wachman Movement Notation« (beide 2011) steht endlich auch der Tanz selbst im Zentrum einer Werksgruppe.

 

Und alldieweil Lockhart auch in ihrer Heimat, den USA, Projekte realisierte (»Pine Flat«, 2006; »Lunch Break« & »Exit«, beide 2008), entstand das Gros ihrer Arbeiten in der Ferne — vielleicht, weil einem dort die Sprache mit ihrem Zug zur Ambivalenzenschöpfung nicht so arg in die Quere kommt. Möglicherweise aber auch, weil sich die Fremde freier in Strukturen übersetzen lässt? Gemein ist vielen der Werke zudem, dass sie sich auf durchkanonisierte Kinoklassik beziehen: »Teatro Amazonas« etwa ist in jenem Opernhaus zu Manaus situiert, das man aus Werner Herzogs »Fitzcarraldo« (1982) kennt; »Exit« variiert Louis Lumières »La Sortie de l’usine Lumière à Lyon« (1895); »Antoine/Milena« (2015) stellt eine Szene aus François Truffauts »Les Quatre Cents Coups« (1959) nach. Leider fehlen bei dieser Retrospektive die Photoarbeiten von Lockhart, von denen einige Variationen bzw. Parallel-Versionen ihrer Filme sind, siehe etwa »Goshogaoka Girls Basketball Team« (1998) oder der Duane-Hanson-Zyklus, der neue Perspektiven auf »Lunch Break« vermittelt. Das könnte aber durch entsprechende Kataloge nachträglich vermittelt werden.

 

Während man von Sharon Lockhart eine gute Portion ihres Filmschaffens zu sehen bekommt, wird einem von Kevin Jerome Everson nur ein winziger Bruchteil seines  Œuvres zugänglich gemacht. Mehr ist angesichts der Produktivität Eversons auch nicht zu leisten — neben Khavn De La Cruz ist er der wohl produktivste Filmemacher dieser Jahre. Der Everson-Schnitt liegt bei rund einem Dutzend Kurzfilme und mindestens einem Langfilm pro Jahr — und man bedenke: das alles nur in den Semesterferien, ist doch der Rest des Jahres zugestopft mit Unterricht und administrativen Schwachsinn. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich der Filmprofessor (University of Virginia) nur noch um seine Kunst kümmern könnte. Diese Produktivität führte dazu, dass viele Kritiker und Kuratoren Everson mit einem gewissen Misstrauen begegnen: Wer so viel so schnell schafft, kanns nicht genau nehmen. Und in gewisser Weise stimmt das auch. Everson vertraut sich immer wieder dem Augenblick an, lässt sich von der Energie seines Gegenübers mitreißen, und präsentiert die so entstandenen Arbeiten häufig wie Fragmente — Minuten der Wahrheit, aus dem Leben der schwarzen US-amerikanischen Arbeiterklasse entliehen. Weite Teile von Eversons Schaffen sind ob dieser künstlerischen Haltung und dem damit verbundenen Drang zur Serie in normalen Festivalkontexten auch nur schwer zu präsentieren. Oft genug kann man nicht einfach nur einen seiner Kurzfilme zeigen, sondern müsste gleich ein halbes Dutzend an den Start bringen — einer allein fühlt sich oft undurchschaubar, enigmatisch an.

 

So gesehen ist es eine programmgestalterische Spitzenleistung, dieses kaum zu greifende Monsterwerk in weniger als einer Handvoll Programme zu verdichten. Der Schwerpunkt liegt, quasi notgedrungen, auf Ausnahmen und Abweichungen — Filmen, die anders funktionieren als die Masse seines Schaffens. »Fe26« (2014) und »Sound That« (2014) geben dabei vielleicht am besten einen Eindruck davon, wie das Everson-Universum funktioniert. »Sugarcoated Arsenic« (2013) hingegen, realisiert gemeinsam mit seiner Arbeitskollegin Claudrena Harold, ist eher eine Abweichung — auch weil hier die Bildebene komplett durchinszeniert ist. Ebenfalls -atypisch ist »The Island of St. Matthews« (2013), einem wunderschönen Versuch von Landschaftskino. »Quality Control« (2011) schließt schließlich den Kreis zum Werk Lockharts — Stichwort: Nähe durch Gegensätzlichkeit. Everson macht hier durch Bildbeschleunigungen den tayloristischen Kern einer Arbeitsplatzsituation greifbar, während Lockhart in »Lunch Break« durch Bildverlangsamung und einen rigoros formalistischen Zugang zur Wirklichkeit die Mittagspause einiger Werftarbeiter in eine Bewegtbildskulptur verwandelt.