Happiness

Der japanische Kultregisseur Sabu sucht nach dem glücklichsten Augenblick auf Erden

Als der freundlich scheinende wie definitiv maulfaule Kanzaki in einem Dreckskaff im Nirgendwo Japans auftaucht, scheint allen Bewohnern der Lebenssinn abhanden gekommen zu sein. Gebeutelt trotten sie durch den Alltag, mühselig darum bemüht, ihre Ängste zu verbergen. Kanzaki hat vielleicht die Lösung für sie dabei, eine Erfindung wie aus dem Steampunk: eine Art Virtual-Reality-Helm, bestückt mit Tasten wie von einer Schreibmaschine für Riesen! Mit dieser bizarren Apparatur kann Kanzaki Menschen ihre schönsten Erinnerungen noch einmal vor Augen führen, eine Art Erinnerungs-Kopfkino. Und als der erste auf diese Art von seinen Depressionen geheilt wird, will jeder in dem Städtchen heim ins Glück. Langsam, aber sicher stellt sich heraus, dass für so manchen Freud und Leid kaum voneinander zu trennen sind und Lebensfreude oft am Rand des Daseinsabgrundes blüht. Kanzaki überrascht das nicht. Denn Kanzaki ist auch nicht in die Stadt gekommen, um die Bewohner von ihren Existenzängsten zu erlösen.

 

Natürlich ist der Titel nackte Ironie, auch wenn sich Regisseur Sabu immer wieder als kinematographischer Scherzkeks und haltloser Schwärmer erwiesen hat. Die Volten, die Sabu hier schlägt, halten den Zuschauer in Atem — spätestens ab der Mitte muss man auf alles gefasst sein. Alldieweil pendelt sich der Film in einer ganz eigentümlichen Tonlage ein, bei der die einen vor Selbstmordlust nach einer möglichst stumpfen Rasierklinge zu suchen beginnen, während andere Bauchschmerzen von ihren Lachanfällen kriegen. Ambivalenz, dein Zweitname sei »Happiness«. Nagase Masatoshis minimalistische Performance als Kanzaki trägt viel dazu bei, dass Zuschauer und Protagonisten immer wieder auf die falsche Spur geführt werden, dito Sabus drög-grimmige Verweigerung konventioneller Biographien und Motivationen. Was man in dieser Hinsicht geboten bekommt, erweist sich nur zu oft als eine Art Psychotaschenspielertrick: ein Erklärungsangebot, das allein die Schal- wenn nicht gleich Falschheit solcher Zugänge vorführt. Jedes Narrativ schafft Öffnungen, durch die man besser an die Schwächen der Menschen kommt: weil ich Dir diese Geschichte erzählt habe, kann ich dich jetzt entsprechend manipulieren.

 

Irgendwann kommt ein Mann namens Suzuki ins Spiel. Und dann wird‘s sehr schnell schlimm — wirklich schlimm, sozusagen Sabu-schlimm. Aber die schlimmen Geschichten sind ja meistens diejenigen, nach denen man das Kino wieder gefasst und klarer verlässt.

 

 

(dto) J/D 2016 R: Sabu, D: Masatoshi Nagase, Hiroki Suzuki, Erika Okuda, 91 Min. Start: 30.11.