120 BPM

Robin Campillo erzählt eine Geschichte von Aids-Aktivisten mit viel Wut und Lebenslust

120 Schläge pro Minute. Das ist der normale Rhythmus des Herzens. Ein treffender Titel für einen der besten und wichtigsten Filme des Jahres. Der widmet sich einer nahezu vergessenen Gruppe von Aids-Aktivisten, die jahrelang mit spektakulären Auftritten gegen die Ignoranz von Politik, Gesellschaft und Pharmalobby gekämpft hat. Auf der Höhe der Epidemie Anfang der Neunziger Jahre, als täglich Menschen starben und die Regierungen weltweit untätig dabei zusahen, weil die Betroffenen meist Minderheiten angehörten — Schwule, Prostituierte, Drogenabhängige — formierten sich in Metropolen wie New York und Paris, aber auch in Köln Bewegungen, die voller Wut gegen diese Diskriminierung und für freien Zugang zu Medikamenten protestierten. 

 

Der französische Filmemacher Robin Campillo war damals Teil der französischen Aids-Aktivisten-Gruppe »ACT UP« und erzählt ihre Geschichte. Sein 145-Minuten-Epos ist alles andere als eine dröge Lehrstunde, sondern ein energiegeladener Spielfilm voller Lebenslust, der Hirn, Herz und Bauch gleichermaßen anspricht. Campillo, der schon als Drehbuchautor von »Die Klasse« seinem Kollegen Laurent Cantet zu einer Goldenen Palme verholfen hat, versteht es, Politik und Privates zu verbinden. 

 

Bei den Diskussionen und Protestaktionen der Gruppe lernen sich Sean (Nahuel Pérez Biscayart) und Neuzugang Nathan (Arnaud Valois) kennen und lieben. Ihre Beziehung, überschattet von Seans sich zunehmend verschlimmerndem HIV-Status, ist das intime, emotionale Zentrum des Films, bis zum unweigerlichen Ende. Aufsehenerregende Aktionen wie Kunstblutattacken gegen Pharmakonzerne oder die »Die-Ins«, bei der sich Dutzende Demonstranten auf der Straße tot stellen, werden nicht als bloßer Hintergrund missbraucht. Der Film nimmt sich Zeit für all das, aber keine Sekunde ist zu viel. 

 

Auch wenn der französische Oscarbeitrag vom Sterben handelt, voller Wut ist und Anarchismus, ist er zugleich ein Film über das Leben und die Liebe und das Begehren, das keine Moral kennt. Er ist ein mitreißendes und leidenschaftliches Plädoyer und ein wichtiges Stück Geschichtsschreibung, das zeigt, was ziviler Ungehorsam und Solidarität minoritäter Gruppen bewirken können. »120 BPM« ist ein Stück schwuler Geschichtsschreibung über eine mutig-verzweifelte, zu großen Teilen hinweggeraffte Generation. Und der Film ist mehr als das: eine Anleitung für kreativen Widerstand gegen die gerade wieder aufkommende Intoleranz in Europa.

 

 

120 BPM (120 battement par minute) F 2017, R: Robin Campillo, D: Nahuel Pérez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel, 145 Min., Start: 30.11.