»The Killing of a Sacred Deer«

In Yorgos Lanthimos’ Horror-Groteske ist Gott der schlimmste Scherzkeks

Was hat der Herzchirurg Steven mit diesem merkwürdigen Jungen namens Martin zu tun? Er geht mit ihm um, als sei er sein Sohn oder der Freund eines seiner Kinder, dem er sich väterlich angenommen hat. Der Teenager wirkt linkisch, als habe er eine geistige und körperliche Behinderung, während Steven sich exzessiv pädagogisch-wohltätig gibt, was der Beziehung eine absurde Note verleiht: Der Jüngere wirkt unangenehm unterwürfig, der Ältere unangenehm gönnerhaft. Stevens Kinder und Frau wissen zunächst nichts von Martin und natürlich auch nichts von dessen Mutter, die sich Steven sehr bereitwillig anbietet, als er einer Einladung zum Abendessen folgt. Wo aber ist aber Martins Vater? Das ist die entscheidende Frage. Mehr über die Handlung zu erzählen, würde zu viel verraten. Nur so viel: Martin wird Steven vor eine unmögliche Entscheidung stellen.

 

Geht es in »The Killing of a Sacred Deer« um ein Opfer oder um Rache? Ist nicht alles Tun davon bestimmt, anderes nicht zu tun? Wie frei sind wir, und was ist Freiheit überhaupt? Man kann die Tragödien von Euripides heranziehen, um Yorgos Lanthimos’ Film zu beschreiben (»Iphigenie auf Tauris« wird tatsächlich erwähnt), aber auch philosophische Texte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, etwas von Camus oder Arendt. Hier werden jedenfalls die fundamentalen Fragen des Menschseins gestellt — in der Form der Horrorkomödie. Was hätte auch nach Lanthimos’ dystopischer Science-Fiction-Groteske »The Lobster« (2015) sonst kommen sollen?

 

Interesse am Genrefilm zeigte er schon früh mit der boulevardesken Lachnummer »My Best Friend« (2001), einer ersten, gemeinsam mit Schauspieler Lakis Lazopoulos gestemmten Regiearbeit, die er am liebsten aus seinem Gesamtwerk streichen würde. Aber das sollte er nicht, denn dieser volkstümlich-zeitgeistige Schenkelklopfer zeigt bereits sein Händchen fürs Genre. Lanthimos will weg von der Kunst als Selbstzweck und hin zum Populärkino — wie er es sich so vorstellt mit seinen surrealistischen Sensibilitäten. Der Schritt ins angloamerikanische Kino und damit zu besseren finanziellen Möglichkeiten hat sich zu diesem Zweck als hilfreich erwiesen: »The Killing of a Sacred Deer« ist nicht nur ein sardonisches Traktat über Gott als den schlimmsten aller Scherzkekse, sondern auch ein perfekter Schocker. Er begeistert sowohl durch feine Dramaturgie als auch schleichende Beunruhigung sowie richtig fiese Schreckmomente. Auf eine Formel gebracht: Stanley Kubrick plus Sean S. Cunningham dividiert durch Luis Buñuel. 

 

An Kubrick, den Perfektionisten des Großkunstkinos, erinnert die eisige, symmetrische Inszenierung der Räume, auch die anonyme Trostlosigkeit der Stadtlandschaften. Das alte Exploitation-Schlachtross Cunningham (»Freitag, der 13.«) kommt einem in den Sinn, wenn es ans Eingemachte geht, wenn Blut fließt, durchaus ein wenig selbstzweckhaft, denn auch das gehört zum Genre. Und der Bürgerschreck Buñuel sorgt durch sein gutes Vorbild für die tonale Grundierung — bei Lanthimos stehen zwar keine Kloschüsseln um den Esstisch wie in »Der diskrete Charme der Bourgeoisie«, aber das Wohnzimmer seiner Zwei-Ärzte-Familie inszeniert er so, dass es einem müffelig wird in der Nase. Mit allen drei Regisseuren hat Lanthimos die Gnadenlosigkeit gemein, mit der er auch die kleinste menschliche Schwäche mit all ihren möglicherweise kataklysmischen Folgen vorführt. 

 

Man blickt in Abgründe, um die man ansonsten einen weiten Bogen macht. Aber dafür ist das Kino ja da: dass man in diese Schluchten schauen kann, und zurückkommt — verändert.

 

The Killing of a Sacred Deer (dto), UK/IR/USA 2017, R: Yorgos Lanthimos, D: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, 121 Min. Start: 28.12.