die medienkolumne

 

Nur noch lausige zehn Prozent fehlen Bertelsmann, dann gehört die Luxemburger RTL Group komplett dem Medienunternehmen in Gü­ters­loh. 89,8 Prozent der Anteile haben die Bertelsmänner bereits, jetzt soll der Sack endgültig zugemacht werden. Es ist bereits der zweite Versuch, ein erster Anlauf war vor fünf Jahren am schnöden Kaufpreis gescheitert. Bertelsmann, dem auch die Verlage Random House und Gruner + Jahr gehören, wird aber auch dieses Mal mehr als eine Milliarde Euro auf den Tisch legen müssen. In Gütersloh war zunächst keine Stellungnahme zu erheischen, so dass die Medien­journaille über das neuerliche Interesse an RTL routiniert spekulieren konnte und die üblichen Begriffe in die Runde warf: »Effizienz«, »Synergien«, »Cash Cow«. Die Wertentwicklung der RTL-Aktie übertraf in den letzten fünf Jahren den Dow Jones European Media Stoxx Index bei weitem. Allerdings wird es zunehmend schwieriger, mit Free TV so viel Geld wie in der Vergangenheit zu verdienen, da die Werbetreibenden ihre Mittel auf immer mehr Medien verteilen.

Die neue alte Goldgrube, so vermuten sogenannte Insider und auch Teile der bereits erwähnten Medienjournaille, sei nach Free-TV und Pay-TV das Web-TV. Dort lässt sich vergleichsweise billig produzieren, so dass auch geringere Werbeeinnahmen gute Gewinnspannen zuließen. Inzwischen machen sich auch schon die ersten ausgemusterten Fernsehmoderatoren auf, um dabei zu sein, wenn im gelobten Web-Land die Sonne aufgeht. Ganz weit vorne Marga­rethe Schreinemakers, die dem Besucher ihrer Seite www.schreinemakers.de erst mal einen gehörigen Schreck einjagt: »Ich bin Margarethe und Sie, liebe Leser, Sie sind Fernsehen!« Der Zuschau­er ihrer Sendung werde künftig »als Mitglied der Redaktion mitbestimmen, was wir senden, worüber wir sprechen, und welche Themen wir gemeinsam brandaktuell behan­deln wollen.« Zuletzt ge­schei­tert war Schreinemakers in der RTL-Show Let’s Dance. Auch ­Andreas Türck, zuletzt in den Medien vertreten mit einem Strafprozess wegen Vergewaltigung, bei dem er zwar freigesprochen, aber seither nicht mehr auf den Schirmen gesich­tet wurde, plant ein Web-Comeback. Denn wie Schreinemakers weiß auch er, was zukünftig gefragt ist, er drückt es nur ungleich smarter aus: »Gefragt sind interakti­ve Formate mit community­bil­den­dem Charakter, die den Nutzern Op­tio­nen zur Mitgestaltung bieten.«

Lange nicht mehr auf der Aachener Straße gesichtet wurde Linda de Mol. Hat die einstige RTL-Quoten­göttin – unsterblich, seit sie im nieder­ländischen Fernsehen einen Quizkandidaten, der den Komponis­ten der deutschen Nationalhymne nicht kannte, mit den Worten »Es ist ja auch ein Scheißlied« tröstete – etwa auch schon ihr eige­nes Web-TV? Nein, sie geht’s konservativer an und gibt in Holland eine Zeitschrift heraus, die ­ihren Vornamen trägt und in der es um lecker Essen, lecker Wohnen, lecker Leben geht. Das Schönste ist das Cover. Auf jeder, wirklich auf jeder Ausgabe ist sie zu sehen: Linda de Mol. Eine feine Idee für viele unbrauchbar gewordene Fernsehgesichter. Falls es mit dem Web-TV also wider Erwarten nichts wird, hier liegen noch Perspektiven für Andreas Türck und Margarethe Schreinemakers.