Unser Haus in Kalk
»Oh, nein«, ruft der junge Mann, als er sich einen Kaffee einschenken will und stattdessen nur noch vereinzelte Tröpfchen in seiner Tasse landen »Wer austrinkt, kann doch wohl auch einen neuen aufsetzen, oder?« Einen Moment lang schaut er angestrengt, zuckt dann aber mit den Schultern. So was kommt vor in Wohngemeinschaften – und erst recht in so großen.
Seit dem 16. April besetzen Aktivisten aus der linken Szene die ehemalige KHD-Kantine an der Wiersbergstraße in Kalk. Und seither ist viel los in dem zuvor fast zehn Jahre leer stehenden zweistöckigen Gebäude. Schon am Vormittag sind im Hintergrund Bohrgeräusche zu hören, und irgendwo probt eine Band. Sofas vom Sperrmüll werden herumgeschleppt, die Wände neben dem Info-Point in der Eingangshalle sind vollgepflastert mit To-do-Listen.
Ein Raum für Kunst, Kultur und Politik
Die Betriebsamkeit hat einen Grund: Die Besetzung ist nur Mittel zum Zweck – das eigentliche Ziel ist ein Autonomes Kulturzentrum. »So was fehlt einfach total in Köln«, sagt Tom (Name geändert). Er engagiert sich in der Kampagne Pyranha, die Anfang 2009 nach Schließung der Schnapsfabrik gegründet wurde und seither für einen »selbstverwalteten Raum für Kunst, Kultur und Politik« kämpft.
Und die Bilanz der ersten Wochen zeigt, dass sie mit ihrer Idee nicht alleine sind: Bei der Party zur Einweihung waren rund 800 Menschen da, an den ersten zehn Tagen gab es bereits über 35 angekündigte Veranstaltungen. Politische Gruppierungen haben ihre Treffen hierhin verlegt, es gibt Beratungstermine von der Kölner Erwerbslosen-Initiative, Yoga-Workshops, Konzerte, Ausstellungen, Künstlerateliers und Filmvorführungen. Mit den Nachbarn hat man bislang keine Probleme: Jeden Sonntag gibt es ein offenes und gut besuchtes Nachbarschaftscafé. »Die Leute sind sehr offen«, sagt Tom.
Der Bezirksbürgermeister war schon zu Gast
Auch aus der Kommunalpolitik gibt es positive Signale. Karin Schmidt von den Grünen zeigte sich bei ihrem Besuch ebenso solidarisch wie Jörg Detjen von der linken Ratsfraktion, und auch Kalks Bezirksbürgermeister Markus Thiele war schon zu Gast. »Hier sind keine kriminellen Hausbesetzer am Werk, sondern Menschen, die eine Botschaft mitbringen und etwas Positives wollen«, sagt der SPD-Politiker. Und Detjen hält das Projekt gerade in Zeiten knapper Haushaltskassen für eine echte Chance: »Autonome Selbstverwaltungsprojekte sind auch sinnvoll, weil sie der Stadt keine immensen laufenden Kosten verursachen.«
Leider teilt der Eigentümer diese Ansicht nicht. Das Gebäude gehört der Savo GmbH, einem Tochterunternehmen der Sparkassen-Immobilienfirma Rhine Estate. Die Sparkasse erstattete umgehend Anzeige gegen die Besetzer. »Das ist eine illegale Besetzung«, sagt Sprecher Norbert Minwegen auf Nachfrage. »Die haben einfach den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht. Sie haben einen Rechtsbruch begangen, und wollen das nun als Drohkulisse nehmen, um in die politische Diskussion einzusteigen«. In der offiziellen Pressemitteilung der Sparkasse heißt es zudem, das Gebäude sei aufgrund von Sicherheitsbedenken auf keinen Fall für eine Nutzung als Kultur- oder Veranstaltungszentrum geeignet und vielmehr zum Abbruch vorgesehen. Dem halten die Besetzer das Gutachten eines Architekten und eines Statikers entgegen, laut dem die Bedenken »nicht in einem Fall« zuträfen.
»Das Gebäude gehört uns, wir hätten es gerne wieder«
Was die Sparkasse selbst mit der Kantine vor hat, bleibt unklar. Minwegen sagt, man warte ab, was die Stadt Köln beim Bebauungsplan vorgebe und entscheide dann. Ja, man arbeite derzeit an möglichen Konzepten für das gesamte Areal, erklärt die Leiterin des Stadtplanungsamtes, Anne Luise Müller. Und fügt hinzu, dass das Gelände allerdings nicht höchste Priorität genieße. Heißt auch: Der Bebauungsplan wird noch ein paar Jahre auf sich warten lassen. Detjens Vorschlag einer Übergangsregelung mit einem Nutzungsvertrag zwischen Besetzern und Sparkasse stößt bei Minwegen allerdings auf wenig Begeisterung: »Das Gebäude gehört uns, und wir hätten es gerne wieder«, sagt er.
Die Gefahr, dass der Traum vom Autonomen Zentrum auf der Wiersbergstraße in Kalk demnächst gewaltsam beendet wird, bleibt bestehen. Doch der Kampf soll weitergehen, notfalls auch an anderen Orten. »Es gibt Alternativen«, sagt Tom. Wo das Autonome Zentrum entstehe, sei letztlich von untergeordneter Bedeutung. »Wir haben Tatsachen geschaffen und wollen jetzt, dass von der Politik eindeutig geäußert wird, dass das hier erwünscht ist.« Manchmal muss man doch den zweiten Schritt vor dem ersten machen.