Aufbau Süd: Bürgerbeteiligung an der Severinstraße, Foto: Manfred Wegener

Planen am Abgrund

Bürger sollen mitentscheiden, wie es an der Severin­straße nach dem Archiveinsturz weitergeht

Mehr als zwei Jahre liegt die Katastrophe zurück, aber das Loch klafft immer noch. Dort, wo am 3. März 2009 das Historische Stadtarchiv an der Severinstraße einstürzte und zwei Menschen starben, weil eine U-Bahn gebaut wurde.

 

Die Zukunft ist bereits in vollem Gange: Ein neuer Archivkomplex am Eifelwall in der Südstadt ist bereits beschlossen. Die Ergebnisse eines Architektenwettbewerbs sollen noch im Sommer vorgelegt werden.

 

Was aber passiert an der Unglücksstelle an der Severinstraße im Georgsviertel, wenn die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen abgeschlossen sind? Darüber sollen die Kölner nun zumindest mitentscheiden. Sie wolle die Bürger »zukünftig frühzeitig an wichtigen stadtpolitischen Vorhaben beteiligen«, verkündet die Stadt Köln.

 

Zur Auftaktveranstaltung im April kamen etwa hundert Bürger ins Rathaus. Freilich sind die Spielräume nicht groß. Oberste Priorität haben die Bedürfnisse der zahlreichen Schulen im Georgsviertel. Das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium musste infolge des Archiveinsturzes an den Neumarkt ausweichen, der frühere Standort an der Severinstraße soll nun saniert werden. Die Kaiserin-Augusta-Schule benötigt zusätzliche Räume und eine Turnhalle, um auf den Ganztag umzustellen.

 

Baudezernent Bernd Streitberger (CDU) will allerdings auch ein »lebendiges und kein reines Schulviertel«. Er plädiert zusätzlich für Wohnbebauung, samt Ladenlokalen im Parterre. Der Dezernent betont, wie wichtig es sei, Wohnungen in der Stadt zu schaffen.

 

Der Vorschlag, eine Kunsthalle zu errichten, hat kaum Chan­cen. Nicht nur wegen der unlösbaren Verkehrsprobleme, die sich dadurch ergäben. Es ist wohl auch nicht einzusehen, weshalb ein Kunstbetrieb gegenüber den Opfern pietätvoller wäre, als dringend benötigte Wohnungen. Auf diese Argumentation stützen sich die Befürworter der Kunsthalle.

 

Auffallend ist, wie Kritiker der Stadtpolitik den Einsturzort quasi als kölschen Ground Zero deuten. Die ehemalige Stadtkonservatorin Hiltrud Kier spricht von einem »Jahrtausendunglück«.  Sie macht sich dafür stark, den Ort gar nicht zu bebauen, »um bewusst zu machen, was man hatte und was verloren ist.«

 

Allzu rasch wird aber ohnehin nichts passieren. Zunächst muss das sogenannte Besichtigungsbauwerk errichtet werden, um den Archiveinsturz rekonstruieren zu können. Danach wird das Gleiswechselbauwerk an der Unglücksstelle saniert. Die Ergebnisse einer Bürgerbeteiligung könnten frühestens 2014 umgesetzt werden.