Castingshow ohne Bohlen
Stuggi schwenkt die Kamera auf die Mitte der Bühne und singt lauthals mit. Die Band »Gutchillen« performt gerade ihren Song »Weibershizzle«. Auch Stuggi hatte sich beim Casting vor wenigen Wochen als Sängerin beworben, aber für den Auftritt heute hat es leider nicht gereicht. Nicht schlimm, sagt sie. So kann sie das Ganze nun filmisch begleiten.
Stuggi, die eigentlich Stephanie Ragnit heißt, tanzt, seitdem sie zwei Jahre alt ist in einer philippinischen Folkloregruppe. Daher hat sie schon früh mit philippinischen und hawaiianischen Tänzen auf der Bühne gestanden. Mit zwanzig kam dann der Breakdance, und vor drei Jahren hat die 26-Jährige erstmals als Tänzerin an einem Casting von Roots & Routes in Köln teilgenommen. Seitdem ist sie mit verschiedenen Projekten in den Niederlanden, Belgien, Italien und Ungarn gewesen.
Bei der Frage, was Roots and Routes eigentlich ist, muss Stuggi erstmal überlegen. Ein Netzwerk, um Jugendliche in den performing arts zu fördern, klar, aber für sie sei es vor allem die Chance gewesen, an eigene Grenzen zu gehen und interessante Leute für neue Projekte kennen zu lernen, erzählt sie. Und die Möglichkeit, ungeahnte Begabungen offen zu legen: Neben dem Tanzen hat die gelernte Einzelhandelskauffrau bei Roots & Routes vor allem ihr Talent als Medienschaffende entdeckt. Nun möchte sie vielleicht noch mal studieren, um Mediendesignerin zu werden.
Roots & Routes gibt es seit 2001. Mittlerweile ist das Netzwerk in zwölf europäischen Ländern aktiv. In Deutschland werden die Projekte zum Beispiel von Aktion Mensch, dem Land NRW, der Stadt Köln und der Annemarie und Helmut Börner-Stiftung gefördert. Neben internationalen Masterclasses, Auftritten und anderen Events werden auch kleinere Workshops auf lokaler Ebene veranstaltet. So wie eben an jenem Clubabend im Bahnhof Ehrenfeld Ende April, wo sich Sänger, Rapper, Musiker und Tänzer messen.
Die Organisatoren haben die Teilnehmer zuvor im bereits erwähnten offenen Casting im April ausgewählt. Eine Woche lang haben diese anschließend jeden Tag zusammen gearbeitet, an Songtexten geschrieben und ihre Performances einstudiert. Unterstützt haben sie dabei unter anderem Percussionist Roland Peil von der Live-Band der Fantastischen Vier und der Mindener Rapper Curse. »Sich persönliche Tipps von Curse abholen zu können, war auf jeden Fall noch mal eine zusätzliche Motivation, hier mitzumachen«, sagt Marc Stefes.
Der 27-Jährige hätte noch vor wenigen Wochen nicht gedacht, dass er jemals auf einer Bühne singen würde. Zwar wollte der Rapper früher immer professioneller Musiker werden, hatte diesen Traum mittlerweile jedoch an den Nagel gehängt. In der Zusammenarbeit mit den anderen Teilnehmern und den Coaches hat er jedoch Energie getankt und ist jetzt wild entschlossen, einen neuen Anlauf zu nehmen. Und die Erfolgschancen stehen nicht schlecht: Stefes ist einer der Gewinner eines Ein-Semester-Stipendiums für die Deutsche Pop Akademie in Köln-Mülheim, das unter den Teilnehmern des Workshops vergeben wurde.
Das nächste Roots & Routes-Projekt ist eine »Peer Coach Academy«, bei der junge Talente wie Stuggi und Marc von professionellen Künstlern, Kultur- und Medienpädagogen zu Nachwuchstrainern für kreatives Arbeiten mit Jugendlichen ausgebildet werden. In dem zweiwöchigen Seminar, das an der Landesmusikakademie NRW im münsterländischen Heek stattfindet, werden praktische wie theoretische Inhalte für die Durchführung von eigenen Workshops vermittelt. Und am 29. Mai tritt eine kleine Auswahl des Kölner Workshops zusammen mit einer europaweit gecasteten Gruppe in einer interdisziplinären Bühnenshow mit Musik- Tanz- und Medienperformances im Rahmen des Sommerblut-Festivals auf.
Auch Stuggi und Marc werden mit von der Partie sein – Stuggi mit der Kamera und Marc mit dem Mikrofon. Der Rapper kann kaum glauben, in was er da reingeschliddert ist: »Eigentlich wollte ich nie bei einem Casting mitmachen. Durch die ganzen Castingshows im Fernsehen war das für mich immer negativ. Aber das hier ist was ganz Anderes!«