»Auch Alice Schwarzer beherrscht das Klüngeln«
Herr Stankowski, als Stadthistoriker und Journalist haben Sie in vielen Archiven geforscht. Waren Sie schon einmal im FrauenMediaTurm?
Ich war einmal im Bayenturm, seitdem Alice Schwarzer dort eingezogen ist: An einem Tag der offenen Tür. Tatsächlich musste ich für meine Arbeit nie rein. Es gibt ja eine Handvoll hervorragender Frauenarchive in NRW, darunter den Frauengeschichtsverein in Köln mit einer bedeutenden Sammlung, zu der jeder problemlos und schnell Zugang bekommt – obwohl sie mit einem Bruchteil des Geldes auskommen.
Damit sind wir gleich mitten in der Debatte: Das bislang mit öffentlichen Geldern finanzierte feministische Archiv muss nach Meinung der Landesregierung auch öffentlich zugänglich sein. Die Besuchszeiten sind jedoch stark reglementiert, so die Kritik.
Alle Leute, die versucht haben in den FrauenMediaTurm (FMT) zu kommen, sagen dasselbe: Du musst dich anmelden, dich bildlich gesprochen komplett ausziehen, erklären, was und wofür du arbeitest — und musst dann monatelang auf einen Termin warten. Der FMT ist so etwas wie das Hochsicherheitsarchiv von Alice Schwarzer.
»Es ist einfacher, einen Termin beim Kanzler zu bekommen«
Alice Schwarzer begründet den erschwerten Zugang mit einer vorausgegangenen Mittelstreichung unter der derzeitigen rot-grünen Landesregierung.
Schon als Bonn noch Bundeshauptstadt war, hieß es unter Journalisten: Es ist einfacher, einen Termin beim Kanzler zu bekommen als bei Schwarzer im Turm! Nehmen wir als Vergleich das sehr gut geführte NS-Dokumentationszentrum am Appellhofplatz. Da wird hervorragende Arbeit gemacht. Da bekommst du immer Zutritt, zudem veröffentlichen die jedes Jahr einen exzellenten Berichtband über alles, was sie treiben, publizieren, erforschen. Die Qualität und Quantität der Benutzung des FMT ist dagegen in keiner Weise dokumentiert. Erst in den letzten Tagen sind auf öffentlichen Druck hin ein paar Zahlen herausgegeben worden.
Es ist von 200 bis 250 Benutzern pro Jahr die Rede.
Aber noch schlimmer wiegt: Was die forschen, also die Ergebnisse, stehen in keinem Verhältnis zu den Riesensummen, die reingeflossen sind. Das feministische Archiv ist kein Ort, wo Vorträge, Veranstaltungen, Diskussionen laufen oder gar Debatten losgetreten werden. Ein Beispiel: Der »Schülerwettbewerb deutsche Geschichte« hatte in den letzten Jahren Themen wie Protestkultur, Familie oder Frauen in der Geschichte. Der FMT hat das nicht zum Anlass genommen auf die Mädchen in den Schulen zuzugehen und zu sagen: Kommt zu uns, wir helfen euch, denn wir finden es wichtig, dass ihr euch damit beschäftigt. Entscheidend für die Qualitätsfrage ist: Es ist kein Archiv, das die Themen der Emanzipationsbewegung nach vorne bringt. Gut, hin und wieder gibt es mal eine Ausstellung, die aus dem Emma-Umfeld gemacht wird.
»Ich bezweifle, dass es das beste Frauenarchiv ist«
Kritiker sagen, dass Schwarzer den FrauenMediaTurm, der als Stiftung organisiert ist, als privates Archiv für die Zeitschrift Emma nutzt. Welche Verbindungen gibt es denn tatsächlich?
Der Bayenturm wurde Anfang der 90er Jahre mit 5,5 Millionen DM aus Landesmitteln saniert. Damit war allerdings verbunden, dass eine öffentliche Nutzung gegeben sein musste. Zuvor hatte die Jazzhausschule ihren Sitz dort. Alle, die in Köln etwas mit Kultur zu tun hatten, wollten übrigens, dass die Jazzhausschule, die sehr gute kulturelle und soziale Arbeit machte, wieder einziehen sollte. Alice Schwarzer hatte jedoch die besseren Karten. Der nächste Streit war, dass Schwarzer auch die Redaktion der Emma in den Turm holte, was laut Mietvertrag, der ja die öffentliche Nutzung vorsah, verboten war. Da sie hervorragende Beziehungen zu dem damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Klaus Heugel und Regierungspräsidenten Franz-Josef Antwerpes besaß und natürlich die Klaviatur des kölschen Klüngels exzellent beherrscht, hat sie es geschafft, den Mietvertrag zu ihren Gunsten zu ändern. Das war 2002. Ab da war es nicht mehr illegal, das Konstrukt ist jedoch immer noch Irrsinn: Alice Schwarzer ist Emma-Chefredakteurin und Vorsitzende der Stiftung. Man kann sich doch nicht derart teilen und sagen: Ich arbeite vormittags für Emma und nachmittags für die Stiftung.
Alice Schwarzer selbst spricht von einem »weltweit einmaligen Archiv«. Wie bewerten Sie als Archivspezialist die Qualität der Sammlung?
Ich bezweifle, dass es das beste Frauenarchiv ist, oder die Anlaufstelle, wie Schwarzer immer sagt. Schon allein, weil es bundesweit ein Dutzend solcher Einrichtungen gibt. Der FMT hat einen großen Buchbestand, den gibt es in anderen Bibliotheken auch, und dann natürlich Bild- und Tonmaterial, graue Literatur, Filme. Dann gibt es einen Zeitungsbestand, allerdings werden seit zehn Jahren nur noch feministische Zeitungen ausgewertet. Um etwa die Debatte um den Paragrafen 218 seriös zu dokumentieren, brauchst du aber eine Auswertung der Tagespresse. Dann hat der FMT keine relevanten Nachlässe, während etwa das Kasseler Frauenarchiv mehr als 30 hat. Und inhaltlich stehen in Köln fast ausschließlich Dokumente zur neuen Frauenbewegung. Damit ist die Bedeutung hinreichend relativiert.
Ist denn mit der Mittelkürzung die Existenz gefährdet? Schwarzer spricht vom Todesstoß.
Zunächst ist es ein Archiv, das Material ist ja da. Wenn es so wenig genutzt wird und eine so geringe Außenwirkung hat, ist es per se nicht gefährdet. Man könnte die Sachen einfrieren und in 20 Jahren wieder rausholen. Die Art des Umgangs, wie Schwarzer das Archiv pflegt, ist gefährdet.