»Ich erkläre den Schauspielern überhaupt nichts«

Mit Monty Python gegen Selbstgefälligkeit: Athina Rachel

Tsangari über ihren Film »Attenberg«, die Notwendigkeit

von Humor und das Ende griechischer Utopien

 

StadtRevue: Das Licht in »Attenberg« ist einzigartig: milchig, mit einem Hauch von durchsichtigem Blau. Wie kommt das?

 

Athina Rachel Tsangari: Die Mehr­heit der griechischen Filmemacher kämpft mit dem Licht. Es ist zu grell. Und zu blau, verdammt blau! Für meine Kameraleute war es ein Kampf. Die Lösung war, dass wir im Winter gedreht haben. Das passiert sehr selten, fast alle griechischen Filme entstehen im Sommer. Aber das Licht im Winter hat eine besondere Qualität. Und es hilft natürlich, wenn man analog dreht, da ist das Licht viel weicher. Das Labor, in dem wir den Film entwickelt haben, arbeitet noch traditionell, ohne Automatisierung. Bei der Farbabstimmung sind wir mit dem Techniker alles Bild für Bild durchgegangen. Das ist das ganze Geheimnis: nur Licht und Chemie! Leider steht das Labor kurz vor der Schließung: Die Handarbeit ist vielen zu teuer. So war es sehr berührend für mich, als ich mit all diesen alten Männern zusammenarbeiten konnte, die das seit den 40er Jahren tun.

 

Ihr Film hat einen ganz eigenen Zugang zu Emotionen. Wie arbeiten Sie mit Ihren Darstellern?

 

Einerseits fasziniert mich die Subversion des Gefühls-Kinos, andererseits darf man vor Emotionen nicht zurückschrecken. Das ist ein seltsamer Balanceakt, und manchmal ist es sehr schwer zu erklären, was ich intuitiv will. Eigentlich erkläre ich den Schauspielern überhaupt nichts.

 

Wie gehen Sie stattdessen vor?

 

Ich lasse die Schauspieler eine Szene wieder und wieder aufsagen, bis sie fix und fertig sind. Dann versuchen sie nicht mehr, Bedeutung hineinzuschmuggeln. Erst dann wird der Film dein eigener. Was das Schauspiel in Griechenland angeht, ist der Einfluss des Theaters sehr stark: Es wird übertrieben gespielt, die Darsteller projizieren viel hinein. Das sieht man ständig auf der Bühne und im Fernsehen. Auch wenn man mit Laien arbeitet, versuchen sie instinktiv, so zu spielen. Bei den Proben geht es darum, die Sprache wieder zu entdramatisieren und zu verhindern, dass Szenen unnötig mit Bedeutung aufgeladen werden.

 

Warum haben Sie für den Soundtrack Musik der Punk-Vorläufer Suicide ausgewählt?

 

Meine Hauptfigur Marine ist eine Außenseiterin, also sollte sie nichts Modisches hören. Suicide haben erreicht, wonach ich wohl mein ganzes Leben streben werde: die Verbindung von Rock’n’Roll und seinem Gegenteil. Die Musik von Suicide ist gleichzeitig kalt und warm, grausam und unschuldig. Außerdem ist sie dramatisch. Wenn man ein Lied wie »Surrender« hört, kommen starke Gefühle hoch, aber man hat auch den Eindruck, dass sich Sänger Alan Vega darüber lustig macht.

 

Dazu kommen die großartigen Choreografien Ihrer beiden Hauptdarstellerinnen, die eigentlich Tänzerinnen sind. Haben Sie sie mit ihnen entwickelt?

 

Ja, wir haben ein wenig herumgeblödelt, Tiergeräusche gemacht und solche Dinge. Dann haben wir uns Monty Pythons Sketch »Ministry of Silly Walks« angesehen. Mir gefällt das, wenn sich Figuren über sich selbst lustig machen und sich nicht dafür entschuldigen oder eine Erklärung liefern.

 

Sie sind ausgewiesener Fan der Filme von Luis Buñuel.

 

Ja, es gibt bei ihm einen Hang zu Ironie und sarkas­tischem Humor, gleichzeitig aber auch einen ausgeprägten romantischen Zug. Diese Kombination ist explosiv.

 

Ihr griechischer Kollege Giorgos Lanthimos, dessen Filme sie produziert haben, teilt diesen besonderen Sinn für Humor.

 

Das stimmt. Wir sind müde von zwei­einhalb Jahrzehnten schweren, existenziellen Kinos, von all diesen Post-Junta-Geschichten, die eine Psychoanalyse von Griechenland versuchen. Ich habe den Filmemachern das nie geglaubt, sieht man von ein paar Ausnahmen ab. Als griechischer Regisseur, der keines dieser schweren, selbstgefälligen Melodramen und keine der sehr leichtgewichtigen, populistischen Komödien machen will, hat man es heute schwer zu überleben. Da ist dieser spielerische, andere Humor wichtig.

 

Wie haben Sie die Schauplätze ausgewählt? Vor allem die Fabriklandschaften sind bemerkenswert.

 

Das ist eine alte Firmenstadt, die in den 60er Jahren um eine französische Aluminiumfabrik aufgebaut wurde. Engagiert wurde ein visionärer Stadtplaner, Con­stan­tinos A. Doxiadis, der auch Teile von Islamabad entwickelt hat. Er arbeitete in der Tradition von Le Corbusier. In der Zeit nach dem Bürgerkrieg und vor der Junta wollte man, dass sich Griechenland als Teil Europas multikulturell entwickelt. Mein Vater bekam einen Job dort. Der Ort machte großen Eindruck auf mich. Es war außergewöhnlich, in einer vorgeplanten Welt zu leben. Plätze für Sport, Kultur und Zweisprachigkeit. Ich lernte Griechisch und Französisch, war mit Kindern zusammen, die aus ganz Europa kamen – ein utopisches Experiment. Mittlerweile ist der Ort verwahrlost und zerfällt, darum schien es mir logisch, dorthin zurückzugehen und den Vater der Hauptfigur in das Umfeld dieses gescheiterten Experiments einzubauen. Ich lehne es eigentlich ab, heutige Ereignisse direkt zu kommentieren, aber das Gefühl, gescheitert und betrogen worden zu sein, ist gerade sehr stark in Griechenland.