Im Schweiße ihres Angesichts

Stripperdrama und Liebesfilm: Magic Mike von Steven Soderbergh

Wenn er gefragt wird, was er beruflich macht, antwortet Mike (Channing Tatum): »Stripper und Unternehmer«. Tagsüber versucht er in der krisengeplagten freien Wirtschaft Floridas Fuß zu fassen, nachts lässt er im Club Xquisite als Teil eines Männerensembles die Hüllen fallen – vor kreischendem weiblichem Publikum, dessen voyeuristischen Blick die Kamera fast während des gesamten Films einnimmt.

 

Mikes Routine gerät aus den Fugen, als er zuerst dem jungen, ziellosen Adam (Alex Pettyfer) einen Job im Club verschafft und anschließend dessen Schwester Brooke (Cody Horn) kennenlernt. Toll ist die Szene, in der sie zum ersten Mal den Arbeitsplatz ihres Bruders aufsucht und sich nicht so recht zu ihrer eigenen Faszination zu verhalten weiß.

 

Steven Soderbergh, einer der produktivsten amerikanischen Regisseure der letzten beiden Jahrzehnte, ist derzeit wieder voll in Fahrt. Nach »Contagion« und »Haywire« ist »Magic Mike« sein dritter Film innerhalb von zehn Monaten, der in deutschen Kinos anläuft. Nicht selten sind Soderberghs Filme in der Theorie interessanter als auf der Leinwand.

 

Ganz anders hier: Den zahlreichen, fantasievollen Strip-Nummern zum Trotz, die in ihrer knallbunten Ausgestaltung tief ins Unbewusste der amerikanischen Kulturindustrie zielen, ist »Magic Mike« kein Camp-Spektakel, sondern ein einfühlsames, komplexes Drama über amerikanische Lebenswirklichkeit.

 

Mike, Adam und die übrigen »cock-rocking kings of Tampa« um Anführer Dallas (Matthew McConaughey), gehören zur Working-Class, sie verdienen ihren Lebensunterhalt im Schweiße ihres Angesichts. Mehr noch: Wenn sie die Dollars nach den Auftritten aus ihren Slips ziehen, hat die Arbeit auf den Geldscheinen selbst Spuren hinterlassen.

 

»Magic Mike« ist ein außergewöhnlich ambitionierter Film, wie man ihn nicht nur aus dem Hollywood dieser Tage kaum noch zu sehen bekommt. Er bietet elegant inszeniertes, hochsexualisiertes Starkino mit einem entfesselt spielenden Channing Tatum – auf dessen Biografie der Film angeblich zumindest teilweise beruht – als übereifrigem, verhindertem Selfmademan mit im Grunde äußerst kleinbürgerli­chen Ambitionen.

 

Außerdem: die (manchmal etwas aufdringliche) sozioökonomische Analyse einer Gesellschaft, in der Muskeln nur noch als erotische Attraktion Mehrwert haben. »Magic Mike« ist aber auch ein ehrlicher, völlig unironischer Liebesfilm, der eine Beziehung entlang von Frühstücksroutinen und schrittweisen Selbstoffenbarungen entwickelt.