Kein Bock auf Kiffen und Karl Marx: Markus Thiele | Foto: Manfred Wegener

Der Kanaldeckel-Politiker

Markus Thiele von der SPD regiert seit 2009 in Kalk

Im Seniorenzentrum Rath-Heumar gibt es Kaffee aus dunkelblauen Thermoskannen und Kirschkuchen mit Sprühsahne.  Die mehrheitlich weiblichen Gäste haben sich in Schale geschmissen, floral gemusterte Oberteile dominieren.

 

Am Ende der Tischreihen steht Markus Thiele und hört sich die Probleme an, die man als Best Ager in Rath-Heumar so hat: Sorge, dass der Rewe zumacht, ein fehlendes Altenwohnheim, Hundescheiße auf dem Gehweg. Thiele hört zu, geht auf die Sorgen ein, macht Witze an der richtigen Stelle. Als zwischendurch mal niemand eine Frage stellt, sagt er: »Bitte alle der Reihe nach, nicht durcheinander.« Ein Winner, die Damen kichern ausgelassen.

 

Der 35-Jährige ist ein großer Kommunikator. Ob hier, beim Sommerfest des SPD-Ortsvereins oder bei einer Sitzung zur Zukunft des Kalker Nordens – man merkt: Thiele mag den öffentlichen Auftritt. Die Welt oder zumindest Kalk zu erklären, das liegt ihm. Egal wen er vor sich hat. Sind die Menschen jünger als in Rath-Heumar, zitiert er den Rapper Eko Fresh mit seinem Song »Köln-Kalk-Ehrenmord«. Und im Auto trägt er Ray Ban gegen die Sonne.

 

Der Imi unter den Bezirksbürgermeistern

 

Ein echter Kölscher, denkt man, das Herz auf der Zunge. Dabei ist Thiele gar kein Kölner. Der SPD-Mann ist der einzige Imi unter den Bezirksbürgermeistern. Eigentlich kommt er aus der Nähe von Kassel. Ab und zu meint man noch etwas hessische Mundart herauszuhören. Aber Thiele bemüht sich, Kölsch zu klingen und schafft das auch ganz überzeugend. »Dat weeß ich nit«, ruft er einer Seniorin mit ausladender Geste zu, der Röttgensweg heißt bei ihm »Röttjensweech«.

 

Was ihm sonst als Imi fehlt, macht er wett mit Fleiß. Vor Ortsterminen fährt er Ecken, die ihm noch unbekannt sind, nicht selten mit dem Fahrrad ab. Auch mal samstagabends um zehn. Thiele sieht sich als »Kanaldeckelpolitiker«, das findet er wichtig, sagt er. »Wir sind nun mal näher dran. Auch wenn Ratspolitiker, die ja eher das große Ganze sehen, dann schon mal lächeln.«

 

Für die Familie nach Rath-Heumar

 

Seit 2001 lebt Thiele in Köln. Nach dem Jura- und Politikstudium in Berlin sowie ersten politischen Gehversuchen, bewarb er sich für ein Verwaltungsreferendariat beim Innenministerium in Düsseldorf. Wohnen wollte er jedoch nicht in der Landeshauptstadt. »Eine Bekannte hat damals gesagt: ›Komm ruhig nach Köln, aber nur linksrheinisch.‹ Da war mir klar: Ich suche mir was im Rechtsrheinischen!«

 

Thiele hat etwas übrig für die Viertel, die bei Zugereisten nicht unbedingt attraktiv sind. In Berlin hat er im Wedding, dann in Moabit gewohnt. Seine erste Kölner Wohnung lag in Merheim, über Kalk ist er mittlerweile seit Ende vergangenen Jahres im beschaulichen Rath-Heumar gelandet, seiner Frau und der zwei Kinder wegen.

 

»Ich will nicht nur reden, ich will was machen.«

 

So bodenständig er privat scheint, so zupackend ist er als Politiker. Er sei nie einer aus dieser Juso-Fraktion mit langen Haaren gewesen, die gekifft und Karl Marx gelesen haben, sagt er. »Ich will nicht nur reden, ich will was machen.« Stolz erzählt er, wie sie am Kalker Bezirksrathaus rund um die Uhr Wahlkampf machten. Der Einsatz hat sich gelohnt: Seit 2009 ist Thiele Bezirksbürgermeister. Zuvor hatte er fünf Jahre in der Bezirksvertretung gesessen und war Vorsitzender des Bürgervereins Kalk.

 

Seinen Aufstieg hat Thiele auch seiner Präsenz in den Medien zu verdanken. Bereitwillig lässt er sich an ein Tempo-70-Schild anketten, aus Protest gegen einen grünen Vorstoß für Tempo 50 in der Stadt. Als die CDU die Stadtbezirke nach Himmelsrichtungen aufteilen will, ist es Thiele, der im Boulevard mit einem »Ich will kein Ossi werden!«-Schild zu sehen ist.

 

Selbst in seiner Freizeit sucht er die Öffentlichkeit: Als Thiele im Sommer 2011 Urlaub in der Heimat macht, auch, um seiner Familiengeschichte auf die Spuren zu kommen, taucht er in der örtlichen Lokalzeitung auf: »Bürgermeister von Köln-Kalk sucht nach seinen Wurzeln«, heißt es dort.

 

Populismus hält er für erlaubt

 

Kritik kann Thiele nachvollziehen. »Ich nehme mir die Freiheit, auch mal in einer streitbaren Form auf Dinge hinzuweisen.« Das bisschen Populismus hält er für erlaubt. »Ich glaube, dass man das ab und an machen muss, um Menschen zu erreichen. Man kann nicht immer nur in dieser politisch korrekten und glatten Sprache reden.« Da müsse er akzeptieren, wenn Menschen sagten: Der Thiele stellt sich immer in den Vordergrund. »Aber die Leute müssen ja auch wissen: Wer ist das eigentlich, der Thiele?«

 

Was das angeht, ist er zumindest selbst ein wenig schlauer geworden. Denn sein Aufruf im hessischen Lokalblatt verhallte nicht ungehört. Mittlerweile hat Thiele eine unbekannte Großtante ausfindig gemacht und getroffen. Eine Verwandte in Heidelberg wollen die Thieles demnächst besuchen. Aber dann wohl ohne Presse.