Bernd Wilberg

Nichts als die Wahrheit!

Nachtisch - die Gastro-Kolumne

»Hat’s geschmeckt?«, fragt der Kellner. Doch es scheint, dass er gar keine Antwort erwartet. Zumindest keine ehrliche. Und so säuseln wir Gäste im Restaurant stets in vorauseilendem Gehorsam, es sei gut gewesen oder sogar sehr gut, super lecker, danke. Wie aberwitzig es ist, wenn danach die Teller halb voll in die Küche zurückgetragen werden, stört uns nicht.  

 

Ich habe mir angewöhnt, ehrlich zu antworten. Es wird mir nicht gedankt. Ich sage: Diese Mahlzeit war bestenfalls mäßig. Weil die Fleischqualität für eine 25-Euro-Gericht zu schlecht ist. Weil das »Estragon-Lauchschäumchen« bloß eine schale, angeberhafte Parodie auf Molekularküche ist. Weil man auch für Kartoffelpüree keinesfalls mehligkochende Kartoffeln verwenden soll. Und weil kein gewissenhafter Koch jemals Knoblauch in der Pfanne zerbrutzeln würde, auch wenn viele Gäste dies irrtümlich als Indiz für ehrliche, unverfälschte Mittelmeerküche nehmen. Die Blicke, die ich daraufhin ernte, kommen einem Hausverbot gleich. Dennoch: Es muss sein!

 

Dies soll aber keine Kritik an Kellnerinnen und Kellnern sein. Sie kaufen weder die Zutaten ein noch bereiten sie die Gerichte zu. Und notorisch unterbezahlt sind sie zudem. Dies ist vielmehr eine Aufforderung an uns, an die Gäste, endlich mit der Wahrheit rauszurücken! Es passiert sonst das, was auf Partys passiert: Wenn man immer wieder Freunden höflich vorheuchelt, ihr selbstgemachter Nudelsalat mit Sahne und Fleischwurstwürfeln wäre eine Delikatesse, werden sie uns diese Pampe bis in alle Ewigkeit in die Wohnung tragen. Ja doch, es ist nett, aber ... Als Gäste im Restaurant befinden wir uns zudem nicht in einer freundschaftlichen, sondern geschäftlichen Beziehung. Und wenn wir hier die Wahrheit sagen, können wir nachfolgende Gäste vielleicht davor bewahren, jene Enttäuschungen zu erleben, die wir ertragen mussten: Blasen werfende, neutrale Schäumchen zur Rinderhüfte, welch ein Unfug!