Sex und die Generation Praktikum
Schön ist das nicht. Hannah Horvath, ein Twenty-Something mit Hang zu Vintage-Klamotten und vielen unbezahlten Praktikumsstunden im Lebenslauf, sitzt mitten in der Nacht nach dem Genuss eines Opiumgebräus vor ihren Eltern. Sie versucht von den eigenen schriftstellerischen Fähigkeiten zumindest soweit zu überzeugen, dass sie auch weiterhin für ihre in Brooklyn nicht eben günstigen Lebenshaltungskosten aufkommen: »Ich bin mir sicher, die Stimme meiner Generation zu werden. Und wenn schon nicht meiner, dann irgendeiner.« Spricht’s in ihrer Verzweiflung und fällt zum Schrecken der Eltern in Ohnmacht vom Stuhl.
Awkward lautet das schöne, aber schwer zu übersetzende englische Wort, das eine so befremdliche Situation umfassend beschreibt. Was awkward moments betrifft, liegt die neue HBO-Serie »Girls« derzeit in Führung: Zur eingangs beschriebenen Szene gesellen sich grotesk verunglückter Sex, kuriose Gespräche über Aids beim Frauenarzt, ziemlich seltsame Boyfriends mit ausgefallenen Masturbationspraktiken und Diskussionen darüber, ob nun die Stellung a tergo Frauen degradiert oder die prüden Frauenratgeber im rosa Einband, die solche Behauptungen aufstellen. Kurz: Es geht auf so irritierende, wie befreiend witzige Art um alles, was das Soziotop einer Brooklyner Frauen-WG in der kurzen Phase zwischen Post-Feminismus und Occupy auszeichnet.
Frauen, die in New York und auf HBO über Sex reden und Sex haben — »Sex and the City Reloaded« also? Mitnichten. Zwischen der keimfrei inszenierten Glitzerwelt mondäner Frauen mit gut bezahlten Jobs und amourösem Manhattaner Nachtleben und dem genau beobachteten Alltagsrealismus der vier jungen Frauen in »Girls«, denen nach Studienabschluss der Weg ins wattierte Wohlstandsghetto versperrt scheint, liegt nicht nur die auch lebensweltlich signifikante Distanz zwischen Downtown und Brooklyn. Dazwischen liegt ebenso die immer weiter fortgeschrittene neoliberale Demontage eines einst immerhin etwas soziale Sicherheit spendenden Gesellschaftssystems (von der in »Girls« allgegenwärtigen Social-Media-Revolution ganz zu schweigen). »Sex and the City« bildet allenfalls einen Referenzpunkt befremdlicher Nostalgie: So hängt im bonbonfarbenen Zimmer der mit ihrer Naivität nervenden Shoshanna (Losia Mamet) ein Plakat der Serie an der Wand, das die wiederum großartig sarkastische Britin Jessa (Jemima Kirke) perplex die Augenbrauen hochziehen lässt.
Bildete New York zuvor noch ein irreales Shopping- und Karriereparadies, nimmt »Girls« die Gemeinheiten einer verriegelten Kulturbranche in den Blick, die für hochverschuldete Studienabsolventen lediglich ewige, unbezahlte Praktikaschleifen in Sichtweite zu den Fleischtöpfen, aber keine Karriereoptionen mehr vorsieht. En passant, aber eindringlich beschreibt »Girls« — etwa am Kontrast zwischen Hannahs Lebenswelt und der ihrer Professoren-Eltern –, wie die Mittelschicht zerrieben wird: Das bürgerliche Versprechen, dass nachfolgende Generationen es materiell immer ein wenig besser haben werden als die vorangegangene, wird in »Girls« endgültig für obsolet erklärt.
Dass die Serie nicht nur gelingt, sondern auch an ein kleines Wunder grenzt, liegt im Erfahrungsschatz von Hannah-Darstellerin Lena Dunham begründet, die die Serie abseits der üblichen arbeitsteiligen Abläufe in der US-Serien-Industrie fast komplett alleine geschrieben, inszeniert und — an der Seite von Comedy-Mastermind Judd Apatow — produziert hat. Dem Realismuskonzept der Serie folgend, zeigt die eher knubbelige Dunham erfrischenden Mut zur Unattraktivität: Sie pflegt eine quer zur Glamour-Ökonomie der TV-Serienwelt liegende Form körperlicher Intimität, die direkt auf Dunhams Herkunft aus der »Mumblecore«-Szene verweist, jenem ästhetisch fragilen US-amerikanischen Indiekino der letzten Jahre, in dem junge Regisseure wie Joe Swanberg oder Andrew Bujalski mit bescheidenen Produktionsmitteln die Sorgen und Lebensumstände junger US-Amerikaner beleuchten.
»Girls« wirkt daher auch eher wie ein fünfstündiges Mumblecore-Epos im Gewand einer Fernsehserie. Passend, dass man sich von deren Qualitäten im Rahmen der Cologne Conference nun auch im Kino überzeugen kann. Und Lena Dunham ist am Ende, Hannahs Lebenssorgen zum Trotz, doch noch zur Stimme ihrer Generation geworden — wenn auch im amerikanischen Pay-TV, dem Medium, das die Versprechungen des Romans aus dem 19. Jahrhundert in unsere Gegenwart überführt hat.