Vergessene Sieger
Als Johann »Rukeli« Trollmann am 9. Juni 1933 in den Ring steigt, ist der Kampf verloren, bevor er begonnen hat. Zwar tänzelt er seinen Gegner aus, wie auch Muhammad Ali es später mit seinen Kontrahenten tun wird, und gewinnt überlegen nach Punkten. Doch der Boxverband ist von Nazis durchsetzt und Trollmann ein Sinto, dessen Auftritte sie mit dem Ruf »Leg dich, Zigeuner« kommentieren. Einen »Zigeuner«, zumal mit diesem neumodischen Boxstil, können sie keinesfalls als Sieger akzeptieren: Das Ergebnis wird nicht gewertet. Als das Publikum protestiert, erhält Rukeli doch noch den Meisterkranz, nur um ihn wenig später wegen »armseligen Verhaltens« wieder abgeben zu müssen. Fortan steigt er als Karikatur eines Ariers in den Ring, blondgefärbt und weiß gepudert, bis er seine Boxlizenz verliert. 1944 wird er im KZ Neuengamme ermordet.
Genau 80 Jahre nach dem denkwürdigen Kampf ehrt das Deutsche Sport- und Olympiamuseum den Halbschwergewichtler, indem es ihm einen festen Platz in seiner Dauerausstellung einräumt. Die Anregung kam von Iris Pinkepank vom Rom e.V.: »Uns war aufgefallen, dass kein einziger Sportler aus der Roma-Minderheit im Museum vertreten ist, obwohl es unter ihnen viele Leistungsträger gibt.« Dazu gehört das Tennis-Idol der 70er Jahre, der Rom Ilijae Nastase, oder der Sinto Walter Laubinger, Fußballstar beim HSV in den 80er Jahren. Auch im aktuellen Spitzensport gebe es zahlreiche Angehörige der Minderheit, etwa in der Fußball-Bundesliga, sagt Iris Pinkepank. »Die Angst vor Diskriminierung hindert sie aber daran, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen.«
Für den Rom e.V. sind diese Karrieren nun Anlass, Sinti und Roma als erfolgreiche Sportler ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken — wenn auch nur diejenigen, die sich bereits geoutet haben. In einer Veranstaltungsreihe mit Partnern wie dem NS-Dokumentationszentrum oder der Melanchthon-Akademie zeigt der Verein Roma als Sieger, als kämpferische und begabte Sportler, mithin als Vorbilder. Bereits im Mai lief der Film »Gibsy — Die Geschichte des Boxers Johann Rukeli Trollmann« in der Filmpalette an, im Juni folgen Ausstellungen und eine Lesung, im Oktober ein zweisprachiges Stück des TKO — Europäisches Roma-Theater im Kunsthaus Rhenania.
Die Veranstalter hoffen, nicht nur den Blick der Mehrheitsgesellschaft zu schärfen, sondern auch den junger Sinti und Roma. Deshalb umfasst die Reihe neben den kulturellen Veranstaltungen auch Sportangebote für jugendliche Roma mit Fußballturnieren und Boxtraining bei der Kölner Boxlegende Horst Brinkmeier. »Die sportlichen Vorbilder zeigen: Auch Angehörige der Minderheit können sich in der Mitte der Gesellschaft behaupten«, so Pinkepank.