Und wenn jedes Heim ein Traum wäre?

Kunst meets Obdachlosigkeit: Ein Kommentar zu Phil Collins’ Kooperation mit »Gulliver«

Phil Collins realisierte für seine Soloschau »In every dream home a heartache« im Museum Ludwig ein Projekt mit der wenige Meter vom Museum entfernt ansässigen Obdachlosenhilfe Gulliver. Dort installierte er eine Telefonzelle, in der umsonst Gespräche geführt werden konnten, unter der Auflage, dass diese mitgeschnitten werden. Auszüge der Mitschnitte und von ihnen inspirierte Musikstücke namhafter Popmusiker lassen sich nun im Museum von Vinyl-Singles in kleinen Hörkabinen abspielen.

 

Mit Blick auf den belebten Böll-Platz, der abends zur Schlafstätte vieler Wohnungsloser wird, vernimmt man Bewegendes. »Ich mache gerade Platte«, sagt jemand zu seiner besorgten Schwester, sich der Doppeldeutigkeit des Satzes nicht bewusst. Wird hier eine Grenze überschritten? Das Projekt wurde bei Gulliver diskutiert und befürwortet. Dennoch scheint es wie ein Echo allzu üblicher Tricks, wenn der Mitschnitt erst im Kleingedruckten von Collins‘ Infozettel erwähnt wird. Doch die Leute sind schlechte Geschäfte gewohnt. Genauso ist es der Kunstbetrieb gewohnt, sich alles einzuverleiben. So beschreibt ein Text an der Museumswand, wie das Werk »die Poetik und Dramatik der Telekommunikation« zu Tage fördere. Hier verhallt Leiden als Kunst-Effekt.

 

Will Kunst wirklich Aufmerksamkeit für Soziales schaffen, muss sie sich ihrer Gesten und Mittel bewusst sein, um ihr Anliegen nicht zu verspielen. Warum nicht eine Spendenbox, welche die aktuelle Bewegtheit der Besucher aufnimmt? Von einem erhöhten Spendeneingang in Folge der Ausstellung ist bei Gulliver bislang nichts zu spüren. Erstaunt zeigt man sich dort auch über das gänzliche Ausbleiben kommunalpolitischer Reaktionen. Doch dies mag bezeichnend dafür sein, wie dünn die Verbindung der Kunst in die Welt da draußen ist.

 

All das kann für Collins, der früher selbst in einem Obdachlosenprojekt tätig war, nicht genug sein; der Preis, den die Aufgenommenen dafür bezahlt haben, wäre viel zu hoch. Sie gaben ihr Privates preis. Vielleicht wird Collins in seiner Funktion als KHM-Professor weiter an diesem Projekt arbeiten. Auch könnte eine Edition der Musikstücke Gulliver finanziell helfen. Der Kunstbetrieb hetzt seine Partizipanten von einem Projekt zum Nächsten, doch im Leben sind Bewegungen zäh.