Keine Tränen
Das traditionsreiche Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim hat die Nazizeit überstanden und die Industrialisierung des Ruhrgebiets sowie den Wiederaufbau nach dem Krieg mitfinanziert — doch einen hat die Bank nicht überlebt. Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass der Bauunternehmer Josef Esch bei Sal. Oppenheim an Einfluss gewann — am Ende war der so stark, dass Esch die Bank beherrschte und in den Niedergang trieb. Seine Geschäfte kosteten die Bank ihre Eigenständigkeit, seit fast vier Jahren gehört sie nun der Deutschen Bank.
Seit Juni sitzen vor dem Landgericht Köln die vier ehemals persönlich haftenden Bank-Gesellschafter Matthias Graf von Krockow, Christopher Freiherr von Oppenheim, Dieter Pfundt und Friedrich Carl Janssen sowie besagter Immobilienunternehmer Josef Esch auf der Anklagebank. Der Vorwurf: Mit drei Immobiliengeschäften sollen sie das Bankhaus um rund 145 Millionen geschädigt haben. Die vier Banker sollen zudem der Arcandor AG Kredite gewährt haben, als das Handelsunternehmen längst nicht mehr kreditwürdig war. Der Schaden für Sal. Oppenheim: 80 Millionen Euro.
Zu dem Strafverfahren gesellen sich noch zahlreiche Zivilverfahren gegen das Bankhaus. Der ehemalige Arcandor-Chef Klaus Middelhoff fordert die Rückabwicklung von Beteiligungen an Immobilienfonds und will 74 Millionen Euro plus Zinsen für Schäden, die ihm durch die Beteiligungen entstanden sind. Die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz will von Sal. Oppenheim und Berater Josef Esch 1,9 Milliarden Euro. Und auch der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, der Schuh-Manager Heinz-Horst Deichmann und der IT-Unternehmer Holger Lampatz sehen sich durch Sal. Oppenheim geschädigt und wollen ihre Millionen zurück.
Vermögen in nahezu unvorstellbarer Dimension wurden vernichtet — nach Ansicht der Staatsanwaltschaft durch unverantwortliche Kredite, Immobiliengeschäfte und Beteiligungen der Banker. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahren Haft wegen Untreue. Das Verfahren gilt heute schon als einer der größten Wirtschaftsprozesse in der deutschen Geschichte und wird Jahre dauern — erst einmal hat das Gericht 78 Prozesstage angeordnet.
Klar, die Angeklagten stehen nicht umsonst vor Gericht. Aber auch die Geschichten der Geschädigten sind interessant: Klaus Middelhoff galt lange Zeit als das Wunderkind unter den deutschen Managern und stand Konzernen wie Bertelsmann und Arcandor vor. Auch wenn sich seine Erfolge bei Arcandor (ehemals Karstadt-Quelle) in Grenzen hielten — der von ihm hinterlassene Konzern meldete kurz nach seinem Abgang Insolvenz an, Tausende Jobs gingen verloren — sollte man von einem wie Middelhoff erwarten können, dass er eine risikoreiche Anlage von einer risikoarmen unterscheiden kann. Wenn Middelhoff heute argumentiert, er hätte eine sichere, konservative Geldanlage mit geringem Risiko gewollt und sei hinters Licht geführt worden, klingt das ein wenig lächerlich. Wenn Middelhoff so naiv ist, wie er vorgibt, sollte er seinen ehemaligen Arbeitgebern die gezahlten Gehälter flott zurück überweisen.
Ob Madeleine Schickedanz an einen solchen intellektuell heranreicht, darf als unwahrscheinlich gelten — aber die Milliarden-Erbin hatte in ihrem Leben nichts anderes zu tun, als nicht pleite zu gehen. Und scheiterte an dieser überschaubaren Aufgabe. Sowohl Middelhoff als auch Schickedanz sehen sich als Opfer — eine Rolle, die ihnen nicht steht. Beide haben etwas einfaches vergessen: Wer hohe Risiken eingeht, kann viel gewinnen — geht aber auch die Gefahr ein, sich ruinieren zu können. Wer den Gewinn für sich beansprucht, muss bereit sein, für die Verluste gerade zu stehen. Den beiden ehemaligen Sal. Oppenheim-Bankern Friedrich Carl Janssen und Dieter Pfundt scheint diese simple Erkenntnis ebenfalls nicht bewusst zu sein, wenn sie vor dem Landgericht darauf beharren, in ihrer Funktion als geschäftsführende Gesellschafter nicht gleichberechtigt mit den Vertretern der beiden Familienstämme von Ullmann und von Oppenheim gewesen zu sein. Auch wenn es von außen schwierig zu beurteilen ist, wie das Binnenverhältnis in der Bankführung früher aussah — wer als geschäftsführender Gesellschafter nicht für voll genommen wird, hat entweder darum zu kämpfen, diesen Zustand zu beenden, oder er muss aufgeben.
Middelhoff, Schickedanz, Janssen und Pfundt — da kommt einem ein Stück der US-amerikanischen New-Wave-Band Tuxedomoon in den Sinn: »No tears (for the creatures of the night).« Wenn sich Dummheit, Gier und Verantwortungslosigkeit paaren, ist Mitleid fehl am Platz und man kann, bequem im Sessel zurückgelehnt, die Show im Landgericht verfolgen.