Christian Steigels schreibt über Politik, Sport und ­Literatur. Ins Autonome Zentrum geht er als Ex-Kalker leider viel zu selten. Wenn die Räumung ansteht, ist für ihn klar, auf welcher Seite er steht.

Kommentar: Partys und Politik

Das von der Räumung bedrohte Autonome Zentrum in Kalk muss bleiben. Nicht nur als Veranstaltungsort, sondern vor allem als Freiraum für linke Politik, findet Christian Steigels

Vor zehn Jahren bin ich nach Kalk gezogen, auf die andere Rheinseite. Damals war das keine Selbstverständlichkeit. Ungläubiges Stirnrunzeln mit der Tendenz zum mitleidigen Blick war eine häufige Reaktion meiner Bekannten. Der ehe­malige Industrie-Stadtteil im Rechtsrheinischen galt als zentrums­fernes Viertel ohne Identität, ohne Freizeit-Möglich­keiten. Mittlerweile wohne ich nicht mehr in Kalk, aber über meine dortigen Freunde bekomme ich die heutigen Reaktionen mit: »Kalk? Cool, war ich letztes Wochenende auch.«
Dass dieser Aufschwung hin zum Szeneviertel auch mit dem Autonomen Zentrum (AZ) zusammenhängt, und das AZ somit unfreiwillig als Katalysator der bevorstehenden Gentrifizierung fungiert, darüber ist schon genug geschrieben worden. Das sieht mittlerweile auch der Kölner Stadt-Anzeiger so und hat sich vom Kritiker zum Sympathisanten ent­wickelt, der der Politik empfiehlt, nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen.

 

Bleibt die Frage, warum die Politik das AZ trotzdem mit aller Macht dem Erdboden gleichmachen will und daher den Nutzungsvertrag zum 30. Juni gekündigt hat. Es liegt keine Lärmproblematik vor — man vergleiche das Autonome Zentrum nur mit dem Brüsseler Platz, den die Stadt wiederum als einen für eine Metropole wichtigen und daher quasi unantastbaren Ort ansieht —, es gibt kein Gewalt- und kein Müllproblem. Statt­dessen werden die immergleichen Argumente für Räumung und Abriss vorgebracht: Rechtsbruch bei der Besetzung, Platz schaffen für Container während des Erweiterungsbaus der Schule und später für einen Grünstreifen.

 

Die wahren Gründe sind politischer Natur: Die Stadt will sich keinen Ort leisten, an dem vermeintliche Linksextremisten das Sagen haben. Denn die muss man ja – NSU hin oder her – schließlich auch wie Rechtsextreme behandeln. Das AZ ist aber nicht nur als Kultur- und Partyort wichtig, sondern eben auch und vor allem als Freiraum für linke Politik. Zum Ausprobieren, als Testballon für die viel zitierte andere Welt.

 

Und, ja, auch ganz konkret als Con­vergence Center, als Anlauf- und Infostelle für Veranstaltungen gegen rechts. Ein Ort für linke, antifaschistische Präsenz ist wichtig in einer Stadt, in der Pro Köln bei der letzten Kommunal­wahl in vielen Bezirken zwischen sechs und acht Prozent der Stimmen erhielt, in der im benachbarten Pulheim und Teilen des Stadtgebiets (Esch ist nur ein Beispiel) autonome Nationalisten zunehmend präsenter werden, in der die Moschee in Ehrenfeld von Rechten landesweit instrumentalisiert wird und in deren unmittelbarer Nachbarschaft eine der aktivsten westdeutschen Nazi-Szenen agiert, die mittlerweile verbotene Kameradschaft Aachener Land.

Auch der Kampf gegen rechts ist Teil der Realität des ­Autonomen Zentrums. Und auch das ist bewahrenswert.