Christian Steigels hat mal in Kalk gewohnt — in Zeiten, als das Gebäude an der Wiersbergstraße noch eine leer stehende Kantine war.

Kein Aufschrei in Kalk

Christian Steigels kritisiert die mediale Kampagne gegen das Autonome Zentrum

Als am 1. Juli der Nutzungsvertrag gekündigt wurde, schien die Lage für das Autonome Zentrum überraschend positiv. In der Vorwoche hatten die Aktivisten eine stattliche Anzahl Kölner Prominenter aus Kultur und Politik gewonnen, die in einem Offenen Brief gegen die drohende Räumung des Autonomen Zentrums protestierten. Unter anderem sprachen sich Pfarrer Franz Meurer, Kabarettist Jürgen Becker, Jugendring-Vorsitzende Sarah van Dawen und die Kölsch-Rocker von Kasalla für das AZ aus. Der Kölner Stadt-Anzeiger, die Kölnische Rundschau und der Express berichteten positiv über die Aktion.

 

Doch nur wenige Tage später reüssierte die Dumont-Presse als Stimmungsmacher gegen das Autonome Zentrum. Zunächst wurde ein Interview mit Jochen Ott veröffentlicht, in dem der SPD-Chef die fehlende allgemeine Gewalt-Distanzierung der Verantwortlichen bemängelt, am Tag darauf meldete der Express, dass OB Jürgen Roters ab sofort Polizeischutz benötige, nachdem die Haustür seiner Wohnung mit Klebstoff beschmiert wurde. Die Berichterstattung gipfelte in einem Kommentar von Stadt-Anzeiger-Chefredakteur Peter Pauls. Als hätte es noch eines weiteren Beweises bedurft, wie das Blatt sich im Streit um das Autonome Zentrum positioniert, mokiert Pauls das Fehlen eines Aufschreis von Seiten der bürgerlichen Gesellschaft ob des Gewaltausbruchs. Mit Verlaub: Es gibt viele Gründe für einen Aufschrei in Köln. Die Wohnungspolitik der Stadt, die Zwangsumzüge von Flüchtlingen, die eindimensionale Verkehrspolitik. Aber Klebstoffanschläge?

 

Keine Frage: »Hausbesuche« oder die Veröffentlichung von privaten Adressen verantwortlicher Politiker sind keine schöne Sache. Allerdings erschienen diese Veröffent­lichungen nicht auf den Seiten des Autonomen Zentrums. Somit ist die Frage nach der Verantwortung zu stellen. Die Betreiber des Autonomen Zentrums können unmöglich für all ihre Sympathisanten haften. Wenn Fußballfans außerhalb des Stadions durch Gewalttaten auffällig werden, muss auch nicht der Verein haften. Der Vorwurf, die Verantwortlichen hätten ihre eigenen Leute nicht unter Kontrolle, ist unzulässig. Wird ähnliches auch bei Polizeiübergriffen behauptet, oder geht es da nicht stets um bedauerliche Einzelfälle, die man nicht dem Polizeiapparat per se anlasten kann? Auch der Gewalt­begriff muss dringend überdacht werden: Auf der einen Seite werden Parolen wie »Gewalt ist keine Lösung« heruntergebetet. Dass auch eine Räumung mit massivem Polizeieinsatz und Wasser­werfern mit Gewalt zu tun hat und eine Bedrohungs­situation darstellt, sollte unstrittig sein.

 

Die »linken Besetzerchaoten« hatten übrigens die richtige Antwort auf die Kriminalisierung parat: Die Demonstration für den Erhalt des Autonomen Zentrums am 5. Juli war ein Musterbeispiel einer friedlichen Demonstration — und auch die Klebstoff­anschläge zitierten sie ganz entspannt: »Für eine Gesellschaft ohne Uhu«, stand auf einem Plakat.