Coming-out in Springfield
Herr In het Panhuis, Ihr Buch »Hinter den schwulen Lachern: Homosexualität bei den Simpsons« hat hohe Wellen geschlagen: In mehr als 20 Ländern sind Rezensionen erschienen. Dabei liegt das Buch bislang nur auf Deutsch vor.
Dass es in England und Amerika besprochen wird, war nicht so überraschend, denn die Simpsons gehören ja zur US-Kultur. Aber dass auch Russland oder Georgien dabei sind, hätte ich nicht erwartet. Dabei weiß ich gar nicht immer, in welche Richtung die Rezensionen gehen. The Voice of Russia schreibt: »Homosexualität wird bei den Simpsons als normal dargestellt.« Mir ist unklar, ob das positiv oder negativ gemeint ist. Wenn man sich vor Augen hält, dass in Russland die gleichberechtigte Darstellung von Homosexualität verboten ist, wird dies schnell zu einer auch politischen Aussage.
Sie sagen, die »Simpsons« seien emanzipatorisch, da Homosexualität als völlig normal dargestellt wird.
Richtig. Es gibt in den ersten 23 Staffeln rund siebzig homosexuelle Figuren, die näher charakterisiert werden. Von denen wird nur rund ein Drittel klischeehaft dargestellt — der Rest nur bedingt oder gar nicht. Die Simpsons behandeln zudem viele schwulenpolitische Themen, es gibt eine Folge zur Homo-Ehe, und immer wieder Szenen im emanzipatorischen Zusammenhang. Als Homer sich bei der Marine bewirbt, versucht er, eine durchgestrichene Frage auf dem Fragebogen zu entziffern, wovon ihn der Anwerber unbedingt abzuhalten versucht. Hintergrund ist die frühere Don‘t-ask-don‘t-tell-Regelung in den USA: Schwule durften in der Armee »dienen«, aber nicht zu ihrem Sexualleben gefragt werden und sich selbst auch nicht dazu äußern. Die Simpsons-Szene ist grotesk-komisch und als Satire zugleich eine deutliche Kritik an der umstrittenen Regelung. Die häufige Behandlung schwuler Themen — durchschnittlich eine Szene pro Folge — ist übrigens wenig überraschend, schaut man sich die Biografie von Simpsons-Erfinder Matt Groening an: Schon Ende der 70er zeichnete er für Zeitungen ein schwules Araber-Pärchen namens Akbar und Jeff.
Die schwulen Anspielungen sind häufig so subtil, dass nur wenige Zuschauer sie verstehen.
Laut Produzenten erreicht man dadurch eine bessere Zuschauerbindung. In einer Folge prahlt Fidel Castro damit, dass in den USA ein Viertel nach ihm benannt wurde. Nachdem ihm ein Mitarbeiter etwas ins Ohr geflüstert hat, ist er entsetzt. Denn The Castro ist das Schwulenviertel San Franciscos. Oder das Tragen von Fliegen: Der schwule Waylon Smithers und der schwule Musiklehrer Dewey Largo tragen als einzige in Springfield pinke Fliegen. Eine Simpsons-Homepage betonte sogar, dass eine Fliege aus zwei rosa Winkeln besteht, also dem Symbol, mit dem schwule Männer in Konzentrationslagern stigmatisiert worden sind. Ein weiteres Beispiel ist eine Filmreferenz auf »Die Katze auf dem heißen Blechdach«. In der Theater-Vorlage von Tennessee Williams geht es um ein homoerotisches Verhältnis, in der weitaus bekannteren Verfilmung wurde es weitgehend wegzensiert. Wenn die Simpsons das Stück aufgreifen und Smithers und sein Chef Mr. Burns die Hauptrollen spielen, ist das eine subtile Anspielung, die nur versteht, wer auch die Zensurgeschichte kennt.
Die wohl wichtigsten homosexuellen Figuren sind der von Ihnen erwähnte Waylon Smithers und Marge Simpsons Schwester Patty Bouvier. Beide haben in der Serie ihr Coming-Out.
Smithers ist zunächst eher verklemmt, mit der Zeit öffnet er sich. Man sieht ihn auch mal in einer schwulen Disco, in einer der letzten Folgen küsst er offen einen Mann. Eine schöne Entwicklung hin zu einer selbstbewusst schwulen und sogar schwulenpolitisch agierenden Figur. Bei Patty gab es nur hin und wieder Anspielungen, 2005 hatte sie dann ihr Coming-Out. Eine weitere schwule Figur wird übrigens erst recht spät eingeführt: Julio, der obertuntige, kreischende und allen Klischees entsprechende Schwule — ein guter Gegenpart zum biederen Smithers.
Wie bewerten Sie eine derart klischeehafte Figur?
Die Simpsons sind eine Unterhaltungsserie. Außerdem gibt es ja diese Typen. Daher darf man die auch so darstellen. Emanzipation besteht ja nicht darin, Schwule mit Samthandschuhen anzufassen. Ich will keine heile Homo-Welt.
Inwiefern sind auch heterosexuelle Figuren wie Homer Simpson emanzipatorisch?
Homer ist häufig homophob und macht sich über Schwule lustig. Das wird meistens den liberalen Ansichten seiner Frau gegenübergestellt und als Vorurteil entlarvt. So in der Folge mit dem schwulen Regisseur John Waters als Gaststar. Auf der anderen Seite ist Homer aber auch der Prototyp des flexibel sexuell Orientierten. Er küsst mehr als 50-mal Männer auf den Mund, hat mehrfach homoerotisch wirkende Beziehungen, und denkt sich nichts dabei, gar nichts. Dieses Spannungsverhältnis ist unterhaltsam, auch wenn es eigentlich einen Kontinuitätsbruch darstellt.
Erstaunlich ist, dass HIV und Aids bei den Simpsons außen vor gelassen werden, oder?
Beim Christopher Street Day in Springfield machen sich zwei Männer in Cyber-Anzügen über die Unmöglichkeit von absolut sicherem Sex lustig. Das ist die einzige Szene zum Thema, was schon erstaunlich ist. Aber auch andere Aspekte sind unterrepräsentiert: Lesben zum Beispiel. Trotz Patty Bouvier sind 95 Prozent der dargestellten Homosexuellen männlich. Da haben die Simpsons noch ganz viel Platz nach oben.