»Mit der Ehre kriegst du jeden«
Frau Bläser, Sie haben »Heroes« Ende 2012 aus Berlin nach Köln geholt. Was verbirgt sich hinter dem Projekt?
Bläser: Wir bilden ab sofort jedes Jahr zwölf Jungen zwischen 16 und 20 Jahren aus, die überwiegend türkische oder arabische Wurzeln haben. Diese Jungen sind in Ehrenkulturen aufgewachsen, haben von klein auf gelernt: Die Ehre der Familie steht über allem. Im Klartext heißt das, sie kontrollieren, mit wem sich ihre Schwestern treffen, wie sie sich kleiden, und dass sie auch ja keinen Freund haben. Anderenfalls würde die Ehre der Familie beschmutzt. Mit unserem Projekt wenden wir uns gegen diese Unterdrückung im Namen der Ehre. Nach der Ausbildung werden unsere Jungs selbst zu Trainern. Sie bieten Workshops in Schulen an und versuchen, die Jungen dort zum Umdenken zu bewegen.
Wie finden Sie denn überhaupt Gehör bei den Jungen?
Bläser: Indem wir persönliche Geschichten erzählen. Ich habe das in Berlin oft erfahren, dort habe ich das deutschlandweit erste Heroes-Projekt mit aufgebaut. Mit der Unterdrückung gehen ja oft auch Zwangsheirat und familiäre Gewalt bis zum Ehrenmord einher. Ich bin selbst zwangsverheiratet worden und bis heute von Ehrenmord bedroht, weil ich mich aus dieser Situation befreit habe. Wenn ich den Jungen das erzähle, und vor allem, wenn ich ihnen sage, wie sich mein Bruder damals verhalten hat und was ich mir stattdessen von ihm gewünscht hätte — das rüttelt sie auf.
Und dann ist die »Ehre« auf einmal nicht mehr wichtig?
Bläser: Man muss sich klarmachen, was hinter dem Begriff steckt: die Angst um das Ansehen der Familie, die Angst, zum Außenseiter zu werden. In Migranten-Communitys ist die besonders stark. Wenn man ohnehin schon anders ist als die Mehrheitsgesellschaft, dann will man wenigstens in der eigenen Gruppe integriert sein.
Böhler: Dieser Ehrbegriff ist wirklich schwierig zu knacken. Mit der Ehre kriegst du jeden, damit lassen sich die Jungs unheimlich schnell provozieren. Wir aber wollen diesen Begriff hinterfragen. Ist es wirklich ehrenhaft, wenn ich meine Schwester kontrolliere, statt ihr zu vertrauen? Ist es nicht ehrenhafter, wenn ich mich traue, etwas zu hinterfragen?
Es geht also nicht nur um die Selbstbestimmung der Frau, sondern auch um die Befreiung der Jungen und Männer?
Chellali: Natürlich. Dieses System setzt die Jungen enorm unter Druck, sie werden für alles verantwortlich gemacht. Außerdem leiden auch sie unter arrangierten Ehen, etwa wenn die Mutter sagt: Wenn du deine Cousine nicht heiratest, bist du nicht mehr mein Sohn. Ich selbst habe auch schon gelitten unter diesem Ehrbegriff. Als junger Mann bin ich in Algerien heftig verprügelt worden, weil ich mit einem Mädchen die Straße entlang ging. Und zwar von ihrem Cousin, der seine Familie schützen wollte. Diese Logik habe ich schon damals nicht verstanden.
Bläser: Uns bleibt ja auch nichts übrig, als bei den Jungs anzusetzen. Wenn die nicht mitmachen, können sich die Mädchen auf den Kopf stellen, das ändert nichts.
Nehmen die Probleme mit Unterdrückung und Zwangsheirat nicht langsam ab?
Chellali: In meiner Heimat Algerien schon, aber bei den Migranten in Deutschland hat sich nicht viel geändert.
Böhler: Das sagen auch unsere Jungs: Wenn wir in den Ferien in die Türkei aufs Land fahren, da ist es moderner als bei uns. Hier sind die Entwicklungen widersprüchlich. Wir erfahren jedenfalls, dass die Probleme in der 3. Generation nach wie vor sehr groß sind.
Nehmen an Ihrem Projekt denn nicht nur Jungen teil, die ohnehin schon fortschrittlich eingestellt sind?
Böhler: Nicht unbedingt. Aber wie möchten die jungen Männer ansprechen, die bereit sind, sich Gedanken zu machen und althergebrachte Traditionen und Rollenbilder zu hinterfragen. Diese Jungs sollen ja Vorbilder sein für ihre Mitschüler, für ihre Nachbarschaft. Wir fragen: Warum habt ihr solche Probleme mit der Gleichberechtigung? Warum tut ihr euch so schwer, den Mädchen zu vertrauen? Es geht um Respekt gegenüber anderen Glaubensrichtungen, anderen Kulturen. Wenn unsere Jungs dann nachher vor der Klasse stehen, werden sie ja auch mit den »schweren Fällen« konfrontiert.
Und wie reagieren die Schüler auf Ihre Heroes? Werden sie nicht angefeindet?
Bläser: Bisher können wir nur über unsere Erfahrungen aus Berlin sprechen. Ja, natürlich werden sie angefeindet! Aber du spürst mit jeder Minute, wie du sie gewinnst. Die Schüler merken: Der ist einer von uns, der spricht unsere Sprache und über unsere Probleme. Die Haltung und der Blick, die ändern sich total. An einer Schule hat sich der Alltag komplett gewandelt durch die Heroes. Am Anfang ging dort kaum jemand regelmäßig zur Schule, es gab Rassismus, es war grauenvoll. Nach einer Woche Arbeit hatten wir zusammen einen Grillabend, mit Eltern und Geschwistern — und alle haben wieder miteinander geredet. Diese Gesprächskultur fehlt in den Familien oft völlig, aber die Heroes haben sie wieder eingeführt.