»Am Geld wird’s nicht scheitern«
Neun Jahre hat es gedauert. Seit Anfang Juli gibt es nun endlich die Beratungsstelle für die Opfer des NSU-Anschlags an der Keupstraße. Martina Hille sitzt in ihrem Büro im Diakonischen Werk in der Südstadt — und wartet. »Bislang haben sich bei mir fünf Menschen gemeldet«, sagt Hille. »Mit dreien hatte ich persönlichen Kontakt, zwei haben mir Mails geschrieben.«
Das zunächst auf ein halbes Jahr befristete Projekt läuft ruhig an. Noch sind Sommerferien in NRW. Erst danach wird Hille auf Veranstaltungen in Mülheim sprechen, um die Beratungsstelle bekannter zu machen. Die 20.000 Euro für das Angebot zahlen der Landschaftsverband Rheinland (LVR), die Stadt Köln und das Land NRW. Weitere Mittel hat der Bundestag zur Verfügung gestellt. »Am Geld wird nichts scheitern«, sagt Hille.
Scheitert es denn an der fehlenden Nachfrage? Bislang haben sich Opfer vor allem wegen sozialer Probleme bei Hille gemeldet: »Es geht um Arbeitslosigkeit, um Wohnungssuche — Probleme, die nicht unmittelbar mit dem Anschlag zusammenhängen.« Und mit deren Bewältigung sich Hille auskennt: Sie arbeitet in der Flüchtlingshilfe des Diakonischen Werks. Sie ist es gewohnt, für Menschen zu arbeiten, die traumatische Erfahrungen zu bewältigen haben und im Alltag in Schwierigkeiten geraten. Sie wird genau hinhören, kennt Psychologen und auch die verschlungenen Wege der Bürokratie und kann Kontakte zu Ämtern herstellen.
Hille glaubt, dass es dauern wird, vor allem diese Menschen zu erreichen: »Unser Angebot muss sich herumsprechen. Ich werde mit den Menschen reden, Fragen beantworten und nun damit beginnen, die Opferberatung bekannter zu machen. Jeder, der bei uns war, wird hoffentlich anderen davon erzählen. Das alles muss sich entwickeln. Wir müssen Beziehungen aufbauen, nur dann kann die Arbeit der Opferberatungsstelle ein Erfolg werden.«
Mitat Özdemir von der Interessengemeinschaft Keupstraße ist indes unzufrieden mit der Arbeit der Opferberatungsstelle. Sie müsse an Ort und Stelle präsent sein und dort geduldig auf das Angebot aufmerksam machen, fordert er. Es gehe darum, Vertrauen aufzubauen. Dafür brauche es aber auch eine kontinuierliche Präsenz. Die Tatsache, dass die Stelle nicht von einer Türkisch sprechenden Person besetzt wurde, sieht er in diesem Zusammenhang ebenfalls kritisch. Schließlich berühre die Beratung sensible Bereiche, bei denen auch sprachliche Details von Bedeutung seien.
Die Kritik, dass die Beratungsstelle in der Südstadt und nicht in Mülheim ansässig sei, hält Hille für nicht gerechtfertigt. Ebenso wie den Einwurf, dass sie der türkischen Sprache nicht mächtig sei. »Nicht alle Opfer des Anschlags in der Keupstraße wohnen auch in Mülheim«, sagt Hille. Außerdem gebe es auch Opfer, die Wert auf Diskretion legten. Sie wollten nicht, dass ihre Nachbarn erfahren, dass sie sich beraten lassen. »Und an der Sprache wird auch nichts scheitern«, meint Hille. »Wenn es nötig ist, kann ich jederzeit Übersetzer holen.«
Jörg Detjen (Linke) hat das Projekt im Rat der Stadt mit auf den Weg gebracht. Mit der Diakonie als Stelle für die Opferberatung ist er zufrieden. »Die Diakonie hat eine lange Erfahrung in der Flüchtlingsberatung und die nötige Sensibilität«, findet er. Ein weiterer Vorteil sei die Neutralität: »Ein linker Kurde als Gesprächspartner würde einen konservativen Türken abschrecken — und andersherum wäre es genau so. Wichtig ist, dass die Diakonie von der Stadt und dem Landschaftsverband unabhängig ist.«
Dass die Beratung generell nötig ist, steht für alle fest. Auch wenn es in den vergangenen Jahren mehrere Beratungsangebote für Opfer gab, sieht Hille einen Bedarf für die neue Anlaufstelle. »Nicht alle Opfer haben sich damals an die Polizei oder später an den Landschaftsverband gewandt. Vielen war es wichtig, überhaupt nicht mit dem Anschlag in Verbindung gebracht zu werden.« Tatsächlich sah die Polizei in vielen Opfern die Täter: Noch im Krankenhaus wurden Verletzte verhört. Über Jahre hinweg gingen die Ermittlungsbehörden davon aus, hinter dem Anschlag würden Drogenbanden oder kurdische Terroristen stecken. Die Möglichkeit, dass Nazis den Anschlag und die Mordserie verübt haben, wurde — trotz aller Hinweise und Indizien aus den Kreisen der Opfer und Zeugen — ignoriert.