Foto: Manfred Wegener

Bushaltestelle für Riesen

Die Stadt gestaltet die Domumgebung neu.

Ein Nachruf auf Brutalismus und Betonpilze

Man möchte nicht in der Haut der Architekten des Büros Allmann Sattler Wappner (ASW) stecken. Die Aufgabe, die sie bei der Neugestaltung der Domumgebung zu bewältigen hatten, ähnelte einem Spießrutenlauf des Urheberrechts und der Interessen. Jeder, der in den letzten Jahrzehnten um den Dom herum gebaut hat, musste befragt werden. Dazu galt es, die Meinungen des Domkapitels und der angrenzenden Kulturinstitute  zu berücksichtigen — und darüber auch den eigenen Entwurf, mit dem das Münchner Büro 2002 den Wettbewerb gewonnen hatte, nicht aus den Augen zu verlieren. Nach einem komplizierten Moderationsverfahren 2010 haben im Juli mit dem für Köln üblichen zeitlichen Abstand die Bauarbeiten begonnen.

 

Warum überhaupt ein Umbau der von Fritz Schaller entworfenen und von 1968 bis 1970 errichteten Domplatte? Für Anne Luise Müller, Leiterin des Stadtplanungsamtes, geht es schlicht darum, »die Visitenkarte der Stadt wiederherzustellen«. Und die liegt zunächst in der Straße Am Domhof, einer heruntergekommenen, die den düsteren Untergrund zu den Highend-Kulturtempeln Museum Ludwig und Philharmonie bildet. Dieser Durchgang zwischen Bahnhof und Kurt-Hackenberg-Platz, den außer Autos und blasenschwachen Altstadtbesuchern kaum noch jemand durchquert, soll zu einem fußgängerfreundlichen Boulevard umgebaut werden. »Wir wollen den Raum so gestalten, dass es keinen Tunnel im Sinne der Verkehrsplaner mehr gibt«, so Architekt Ludwig Wappner. Dazu wird der Betondeckel, der die Straße nach oben abschließt und über den die Fußgänger vom Römisch-Germanischen Museum (RGM) zum Museum Ludwig gehen, um 20 Meter zurückgeschnitten. Statt vier gibt es nur noch zwei Fahrspuren, dafür mehr Platz für die Fußgänger und eine neue Beleuchtung. In die geglättete Wand am Übergang Trankgasse/Am Domhof, die den Domsockel betonen soll, ist ein Zugang zum Baptisterium eingeschnitten, die Dionysosplastik wandert in den Fußgängerbereich. 

 

Von Fritz Schallers polygonalem Dionysoshof an der Domostseite wird nichts bleiben. Wappner hat recht mit der Bemerkung, dass man Fritz Schallers Konzept an dieser Seite des Doms »nicht mehr versteht«. Zu Zeiten der Fertigstellung war die Straße Am Domhof noch nicht durch einen Betondeckel (den Fritz Schaller abgesegnet hat) zugemauert. Die Verlängerung der Domplatte zum späteren Museum Ludwig und zum Rhein war auch die Geburtsstunde des Unorts.

 

Das gesamte Terrain ist schon wegen der gewaltigen Höhenunterschiede und den völlig unterschiedlichen Funktionsräumen keine architektonische Spaßzone. Schallers Konzept, mit dem er 1966 die Ausschreibung gewann, verdient zunächst Achtung: Von den aufgeständerten Baumgarten im Westen samt Betonpilzen, der Treppe zum Bahnhofsvorplatz mit versetztem Stufenverlauf und Plateaus, Dionysoshof im Osten sowie dem ebenerdigen Zugang zur Hohe Straße. In der Ausführung spiegelt sich ein Hang zur skulpturalen, plastischen Gestaltung, die sich als Einspruch gegen den in den 60ern dominierenden architektonischen Funktionalismus verstand — und der Versuch, Architektur und Kunst einander anzunähern, natürlich im zeittypischen Beton-brut-Stil. Überholt dagegen scheint Schallers Ausrichtung an der verkehrsgerechten Stadt mit vierspuriger Straßenführung, aber auch die betonte Trennung zwischen Verkehr und Fußgängern. 

 

Die Neugestaltung der Domumgebung, die insgesamt 19,5 Millionen Euro kosten wird, verschlimmbessert Schallers Konzept allenfalls. Am Entwurf lässt sich eine zeittypische Tendenz zu Eleganz und Zurückhaltung, aber auch zum Funktionalen und Geglätteten ausmachen. Es sind gerade die widerständigen und irritierenden Gestaltungsmomente Schallers, die verschwinden oder sich einer strikten Logik des Zwecks unterordnen müssen. Nach dem Dionysoshof werden im nächsten Jahr an der Westseite die Kragenelemente der Domplatte und die Pilze abrasiert, an deren Stelle eine schlichte Treppe tritt. Die Tabula rasa soll zwar den Domsockel wieder hervorheben, betont aber mit der Erhabenheit der Kathedrale auch den Bruch zwischen Straßen- und Plattenebene. Wo so genannte »Angsträume« waren, regiert das Ideal von Transparenz, Helligkeit und Kontrolle. Das gilt für die Auflichtung an der Ostseite genauso wie für die Verbindungstreppe von der Domplatte zum Bahnhofsvorplatz, die bereits 2005 nach Plänen von Fritz Schallers Sohn Christian umgebaut wurde. Hatte der Vater zu seiner Gestaltung mit versetzter Laufrichtung noch gesagt: »Da können durchaus auch Gammler sitzen, ich will vor dem Dom keine sterile Zone, sondern einen höchst lebendigen Platz«, so ist daraus ein lineares, etwas steriles Stufenbauwerk geworden — sicher einladender, aber für die Polizei auch leichter zu kontrollieren. Bleibt schließlich noch die Verkehrsfrage: Das Shared Space-Konzept für Am Domhof ist zu begrüßen, ungelöst bleibt aber die West-Ost -Strecke über die Trankgasse unter den Gleisen hindurch zur Rheinuferstraße.

 

Befürworter von Schallers Konzept sind rar. Eine von ihnen ist Turit Fröbe, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der UdK Berlin, die in ihrem Buch »Die Kunst der Bausünde« den Kölner Pilzen einen prominenten Platz einräumt. Sie ordnet sie unter die guten Bausünden ein, die die Bewohner so richtig wütend machen, die weder in Form, Farbe und Gestalt Bezug zu ihrer Umwelt aufnehmen und über eine hohe Bildqualität verfügen. »Unbedingt erhalten!«, sagt Turit Fröbe deshalb zu dieser »Bushaltestelle für Riesen«. 

 

Wir tun uns schwer mit dem Betonbrutalismus der 60er und 70er Jahre — die raue Materialästhetik, der brachiale Monumentalismus, die Verwitterungsspuren beim Sichtbeton. Solche Gebäude gelten bei den Bürgern als hässlich, sagt Stadtkonservator Thomas Werner. Das sind natürlich keine Gründe, ein Bauwerk nicht unter Schutz zu stellen. Dass die Dom-platte keinen Denkmalstatus besitzt, habe ästhetische Gründe. »Die Domplatte besitzt zu wenig Schallersche Substanz«, so Werner. Der Architekt habe viele Kompromisse machen müssen (was übrigens auch für ASW gilt), und der Treppen-Eingriff 2005 habe die originale Gestalt bereits verändert.  

 

Die Pläne zur Domumgebung sehen bis 2015 noch die Umgestaltung des Kurt-Hackenberg-Platzes und des Roncalliplatzes vor. So soll der Platz vor dem Hotel Mondial — Zurückhaltung auch hier — mit Baumgruppen durchgrünt und die Treppe vom RGM herunter straßenparallel geführt, der Roncalliplatz wiederum durch Beseitigung der Grünanlage und eines Lüftungsbauwerks geöffnet werden. Das aber könnte zu Konflikten führen, denn parallel zur Umgestaltung ist gerade der Ideenwettbewerb der Via Culturalis, also der Kulturmeile vom Roncalliplatz zu St. Maria im Kapitol, angelaufen. Absurd daran: Für das Projekt Via Culturalis wurden per Losverfahren drei Büros bestimmt, die im September erste Ergebnisse präsentiert haben. Im Lostopf war auch das Büro ASW, wurde aber nicht gezogen. Die Leiterin des Stadtplanungsamts Anne Luise Müller scheint auch nicht ganz glücklich, aber: »Die europäischen Vergaberichtlinien geben uns das vor«.

 

Außerdem sei allen Büros das Verfahren bekannt gewesen. Der architektonische Knackpunkt an dieser Stelle hat einen Namen: das Kuriengebäude am Roncalliplatz. Domprobst Norbert Feldhoff sagt klipp und klar: »Wir werden neu bauen.« ASW konnten von dieser Entwicklung nichts wissen und sie daher in ihren Plänen auch nicht berücksichtigen. Anders der Architekt Johannes Schilling, einer der drei Via Culturalis-Wettbewerber: Er will Kurien- und Verwaltungsgebäude des RGM durch einen gewaltigen Bauriegel ersetzen und die Arkaden des Dom-Hotels in den Roncalliplatz hineinziehen, um den Platz zu schließen. Ein Plan, der den Vorstellungen von ASW diametral entgegen läuft. 

Vielleicht hat der Kölner Schlendrian aber auch einen Vorteil. Hätte man schneller entschieden und gebaut, hätte es zum worst case kommen können: Zuerst die Umgestaltung nach den Plänen von ASW, danach alles auf Anfang mit Johannes Schilling. So wird es vermutlich nicht kommen. Anne Luise Müller ist sicher, dass sich beide Vorhaben koordinieren lassen. »Wir sind in guter Abstimmung und werden ASW auch weiter einbinden.« Zweifel sind trotzdem angebracht. Wie sagte schon Papst Johannes XXIII., nach dem der Platz benannt ist, in seiner Enzyklika »Pacem in terris«: »Doch ist in unseren Tagen das Gesellschaftsleben so mannigfach, so vielfältig und so lebendig, dass die rechtliche Ordnung, wenn auch mit großer Klugheit und vorausschauender Umsicht ausgearbeitet, den Bedürfnissen häufig nicht gewachsen scheint.«