Foto: Manfred Wegener

Protestantische Ethik

Teuer wohnen statt beten: Der Abriss der Christuskirche beginnt

Christoph Rollbühler ist ein Pfarrer, der in seinen Gottesdiensten gerne quer durch die Kirche läuft, der auch mal zur Gitarre greift und nicht nur von Jesu Jüngern, sondern auch den Jüngerinnen spricht. Ihm scheint alles leicht von der Hand zu gehen, genauso wie dieser Septemberabend, an dem eine Ausstellung über die Geschichte der Christuskirche eröffnet wird. Rollbühler begrüßt eine Anwohnerin als »letzte Zeitzeugin«, die den Bombenangriff auf die Kirche am 20. April 1944 erlebt habe. Damals wurde die prächtige neugotische Kirche am Stadtgarten, die erste Kölns, die von der evangelischen Gemeinde mit eigenen Mitteln errichtet worden war, beinahe komplett zerstört. Allein der Turm und die Orgelempore blieben stehen. 1951 wurde das Schiff recht funktionell wieder aufgebaut, Chor und Seitenkapellen sollten später folgen, doch dann fehlte das Geld. Rollbühler blickt noch einmal zu der alten Dame, die er zwischen den wenigen Besuchern leicht ausmachen kann. »Ich freue mich besonders, dass Sie, liebe Frau Wolf, mit uns noch einmal zurück blicken — aber auch den Blick nach vorne wagen.«

 

Der Blick nach vorne. Für manches Gemeindemitglied bedeutet das, was Pfarrer Rollbühler hier anpreist, nicht weniger als das Scheitern der Kirche. Das Kirchenschiff soll im Oktober abgerissen werden, nur Turm, Orgelempore und der als Veranstaltungsort Basement bekannte Gewölbekeller bleiben stehen. An die Stelle des Schiffs werden zwei fünfstöckige Gebäuderiegel gesetzt, die sich zum Stadtgarten hin öffnen und einen neuen, deutlich kleineren Kirchraum einschließen. Nach 18 Monaten Bauzeit sollen im Neubau nicht nur Gemeinderäume unterkommen, sondern auch Büros und Wohnungen, zu mieten für 14 Euro pro Quadratmeter, kalt.  9,1 Millionen Euro soll das alles kosten, die Gemeinde nimmt einen Kredit auf. 

 

Jürgen Keuler bringen diese Pläne in Rage. »Ich sehe einfach nicht ein, warum eine Kirche Luxuswohnungen baut«, sagt er. Von seinem Fenster blickt der Tontechniker direkt auf das 50er Jahre-Schiff, das er mit der Initiative »Rettet die Christuskirche« noch im letzten Moment vor dem Abriss bewahren will. Jeden Sonntag steht er mit seinen Mitstreitern vor der Kirche und protestiert, auch eine Online-Petition hat er eingerichtet. Er verweist darauf, dass die Stadt das Grundstück der evangelischen Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts mit der Vorgabe geschenkt hat, darauf eine Kirche zu errichten. »Von Luxuswohnungen war nicht die Rede! Wenn sie hier wenigstens ein Hospiz oder ein Kinderheim bauen würden. Aber soziale Aspekte zählen gar nichts, es geht nur um Profit.« Keuler sorgt sich um die Nachbarschaft, darum, dass der Neubau die Preise im Viertel noch weiter nach oben treibt, dass Familien sich die Mieten dort nicht mehr leisten können. »Eigentlich wäre es die Aufgabe der Kirche, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten.«

 

Pfarrer Mathias Bonhoeffer kennt diese Vorwürfe, zeigt sich davon aber kaum getroffen. Er ist weniger geschmeidig als sein Kollege Rollbühler, doch als Vorsitzender des Presbyteriums, das die Entscheidung zum Neubau gefällt hat, verteidigt er seinen Beschluss vehement. Seine Stimme klingt etwas trotzig, als er erzählt: »2007 hat die Gemeinde entschieden, den Standort Christuskirche ganz aufzugeben. Wir haben diesen Beschluss später revidiert und investieren jetzt sogar in ein großes Gemeindezentrum!« Bonhoeffer findet das bemerkenswert, weil die evangelische Kirche sonst an allen Ecken spart: Sie reduziert ihre Pfarrstellen und verkauft ihre Kirchen, in Köln zuletzt das Jeremia-Haus in der Mozartstraße und die Kreuzkirche an der Machabäerstraße, die jetzt eine Jugendherberge ist. In Zeiten, in denen die Kirche mit weniger Steuereinnahmen rechnet — obwohl sie in den letzten Jahren tatsächlich gestiegen sind — glaubt Bonhoeffer, ein geradezu geniales Geschäftsmodell gefunden zu haben: Mit der Vermietung von Wohnungen und Büros im teuren Belgischen Viertel könne man nicht nur den Neubau querfinanzieren, sondern auch Jugend- und Seniorenarbeit, einen Hospizdienst und das Engagement im Vringstreff bezahlen. 

 

»Die Christuskirche ist viel zu groß für die wenigen Gottesdienstbesucher und außerdem total marode. Das ist einfach kein attraktiver Standort mehr«, so Bonhoeffer. Während Jürgen Keuler es merkwürdig findet, wenn ein Pfarrer von »Standorten« spricht, als sei er ein Investor, lobt Bonhoeffer den Neubau-Entwurf. Dadurch, dass die Gebäuderiegel an den Turm anschlössen, bleibe der kirchliche Charakter bewahrt. Wer das Modell sieht, kann davon freilich nicht viel erkennen. Stadtbaumeister Josef Stübben hatte die Neustadt-Kirchen einst als markante Blickpunkte auf die Ringstraße ausgerichtet. Der imposante Turm bleibt zwar, ein repräsentativer Wille ist beim neuen Entwurf aber kaum zu erkennen. 

 

Und was passiert an Weihnachten, oder wenn Konfirmationen gefeiert werden? Schon die alte Christuskirche mit 520 Plätzen war dann zu klein für die vielen Besucher. Im neuen Kirchraum sollen nur noch 199 Menschen Platz finden. »Wir überlegen noch«, sagt Bonhoeffer. »Vielleicht mieten wir Heiligabend ein Zelt.«