Blaumilch für alle!
Wer in Thomas Eicherts Hof im Severinsviertel sitzt, kann man schon mal ins Träumen kommen. Tomaten und Basilikum wachsen hier, eine Mispel spendet Schatten, und an den Hauswänden rankt der Wein empor. Dicke Trauben glänzen in der Sonne.
Es ist ungefähr zehn Jahre her, da dachte sich Eichert bei diesem Anblick: Wieso immer Wein im Supermarkt kaufen, wenn alles, was man dazu braucht, an der eigenen Hauswand wächst? Warum nicht ein kölsches Cuvée, sozusagen? Mit Tipps vom italienischen Nachbarn und Anleitungen aus dem Internet machte er sich ans Werk und konnte schon im nächsten Jahr den ersten eigenen Wein trinken.
»Der erste Wein«, sagt Eichert, der aus Schwaben stammt und genauso gerne redet, wie er Wein trinkt, »schmeckt hauptsächlich einem selbst.« Inzwischen stellt er einen leichten, elfprozentigen Rotwein her, den er Blaumilch nennt und der auch Nachbarn und Freunden schmeckt. Auf den freien Markt kommt sein Produkt nicht, denn verkauft werden darf nur, was aus offiziellen Weinanbaugebieten stammt. Dazu gehört Köln nicht, obwohl es hier eine lange Weintradition gibt. »Man weiß nicht, ob die Römer hier schon mit Wein angestoßen haben, aber spätestens seit dem Mittelalter wurde in Köln Wein angebaut und vor allem auch damit gehandelt.«
Mit dem Plan, Köln zur Rückkehr zu dieser Tradition zu verhelfen, brachte Eichert im Herbst 2009 einen Vorschlag in den Bürgerhaushalt ein: Alle öffentlichen Gebäude wollte er an der Südseite mit Wein bepflanzen, sich die Ernte mit der Stadt teilen und damit eine Art Stadtwinzer werden. »Hauswände eignen sich hervorragend zum Weinanbau, besser als jeder Steilhang«, findet Eichert. Auch andere Städte hätten offizielle Stadtwinzer, und selbst in New York, Seattle oder London gehe der Trend zum »urban wine making«.
2010 entschied der Kölner Rat, das Projekt zu bewilligen. Eichert sollte allerdings keine öffentlichen, sondern private Häuser begrünen und bekam dafür 50.000 Euro bereitgestellt. Innenstadt-Bürgermeister Andreas Hupke (Grüne) versprach sogar, sich für ein offizielles Kölner Weinanbaugebiet einzusetzen. Doch bald darauf meldeten sich die städtischen Bedenkenträger: Wer würde etwa haften, wenn der Winzer von der Leiter fiele, fragte man bei der Gebäudewirtschaft. Und die Kämmerei wollte das Geld einsparen — »Geld, nach dem ich gar nicht gefragt hatte«, ärgert sich Eichert. Das Projekt wird also, zumindest in dieser Form, nicht umgesetzt.
Trotzdem ist Eichert inzwischen urbaner Winzer geworden, auch ohne die Stadtverwaltung. Im Gemeinschaftsgarten Neuland in der Südstadt betreibt er seit diesem Jahr eine kleine Rebschule. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass sich ein Hausbesitzer bei ihm meldet und ihn mit der Begrünung seiner Südwand beauftragt. Eichert pflanzt, berät, pflegt und erntet — und keltert auf Wunsch auch Wein daraus, von dem er dann die Hälfte für sich beansprucht. Auch die Pflege des »Sürther Johannisgrunds« hat Eichert von dem verstorbenen Hobby-Winzer Josef Espey übernommen. Die Trauben für diesen lieblichen und unverkäuflichen Wein wachsen seit mehr als dreißig Jahren auf einer Art bürgerlichem Gemeinschaftsgarten an der Sürther Straße. Was Eichert noch braucht, ist ein großer Keller, in dem der Wein gären kann. Ihm schwebt ein großer Gemeinschaftskeller vor, »in dem die Schrebergärtner auch ihre Äppel lagern können«.
Falls die Stadt ihn doch noch als offiziellen Stadtwinzer haben möchte, muss sie sich jedenfalls beeilen. »Wenn die noch länger warten, habe ich keine Zeit mehr.«