Kölner wider Willen
Auch 70 Jahre später wirkt die Zahl noch ungeheuerlich: Zehntausende Zwangsarbeiter wurden während des Zweiten Weltkriegs aus den von der Wehrmacht überfallenen Ländern nach Köln verschleppt. Sie arbeiteten bei der Stadt, bei Unternehmen wie Ford, und sie mussten mithelfen, die Kriegsmaschinerie aufrecht zu erhalten — bis zu dem Tag, als sie durch die US-Army im Frühjahr 1945 befreit wurden.
Neun ehemalige Zwangsarbeiter waren vom 8. bis 16. September zu Besuch in Köln. Es war die 35. Gruppe von Zwangsarbeitern, die der Einladung der Stadt nachkam. Seit 1990 läuft dieses Programm, das vom NS-Dokumentationszentrum und der Projektgruppe Messelager organisiert wird.
Schon ein Jahr zuvor hatte die Projektgruppe Messelager mit Unterstützung der Stadt zwei Besuchsprogramme durchgeführt, ein internationales Symposium zum Deutzer Messelager veranstaltet und so dafür gesorgt, dass das Thema Zwangsarbeiter stärker in das öffentliche Bewusstsein trat — in den späten 80er Jahren keine Selbstverständlichkeit. Dem Leiden der Zwangsarbeiter, der Verbreitung der Zwangsarbeit in Deutschland und der Vielzahl von Lagern zum Trotz drohte das Thema damals in Vergessenheit zu geraten. Dabei gab es 1944 über 5,7 Millionen Zivilisten, die als Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Dazu kamen weitere 1,9 Millionen Kriegsgefangene — Zwangsarbeiter stellten über zehn Prozent der Bevölkerung im damaligen Reichsgebiet. Ein Viertel aller Arbeitskräfte in der deutschen Wirtschaft waren gegen Ende des Krieges Zwangsarbeiter, knapp die Hälfte von ihnen waren Mädchen und Frauen. Allein in Köln gab es Hunderte von Lagern.
Von den Abertausenden, die nach Köln verschleppt wurden, hat das Programm der Stadt nur einen Bruchteil erreicht: »Insgesamt haben bislang 647 ehemalige Zwangsarbeiter Köln besucht«, sagt Jürgen Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter des NS-Dokumenta-tionszentrums. Über 500 Interviews wurden mit ihnen geführt.
Dabei wurden Geschichten wie die eines 1943 in Straelen am Niederrhein geborenen Russen entdeckt, in dessen Geburtsurkunde ursprünglich Köln eingetragen war. Der Vater ist unbekannt, die Mutter ließ nach dem Krieg Köln als Geburtsort austragen — vor allem in der Sowjetunion unter Stalin standen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Ruf, Verräter gewesen zu sein, die mit den Nazis zusammenarbeiteten. Sie hatten ebenso mit Repressionen zu rechnen wie ihre Kinder. Eine Zeit lang lebte er in einem Kinderlager und erkrankte an Lungenentzündung. Er war nicht das einzige kranke Kind dort — von 133 Kindern starben 99. In Köln bekam er im September eine Geburtsurkunde aus Straelen überreicht — für ihn, sagt Jürgen Müller, sei das ein »überwältigendes Erlebnis« gewesen. »Diese Biografien waren durch den Aufenthalt in Deutschland geprägt, doch selbst Ehepartner oder Kinder wussten nichts von dem Aufenthalt in Deutschland.«
In einer besonders prekären Lage befanden sich die italienischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Bis zur Absetzung Mussolinis durch den Faschistischen Großrat im Juli 1943 als Reaktion auf die Landung der Alliierten auf Sizilien war Italien der engste Verbündete der Nazis in Europa. Die Nazis griffen ein, als die italienische Armee 1941 von den Griechen vernichtend geschlagen wurde, italienische Truppen standen gemeinsam mit der Wehrmacht vor Stalingrad.
Nach dem Waffenstillstand zwischen Italien und den Alliierten waren aus den Italienern Feinde geworden, die von den Deutschen mit Hass behandelt wurden. Elzbieta Adamski vom NS-Dokumentationszentrum beschreibt deren Elend: »Die Italiener standen noch unter den Russen. Sie bekamen ihr Essen von den russischen Gefangenen, damit sie nicht verhungerten, obwohl die russischen Gefangenen selbst so gut wie nichts zu essen bekamen.«
Doch es geht bei den Besuchen nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit und den Kontakt mit den ehemaligen Opfern der Nazis. Georg Wehner von der Projektgruppe Messelager will die Aufmerksamkeit auch auf das Thema Entschädigung lenken: »Noch immer sind 10 Millionen ehemaliger Zwangsarbeiter nicht entschädigt worden.« Seit die Stiftung »Erinnern, Verantwortung und Zukunft« im Jahr 2000 von der Bundesrepublik und 6.000 Unternehmen gegründet wurde, ist sie für die Entschädigungszahlungen verantwortlich. Ansprüche gegen die Bundesrepublik bestehen seitdem nicht mehr: »2008 stellte der Internationale Gerichtshof klar«, erläutert Wehner, »dass nicht mehr gegen die Bundesrepublik wegen Entschädigung geklagt werden dürfe.« Die Stiftung hat 2006 die Bearbeitung von Anträgen abgeschlossen und bis dahin 4,529 Milliarden Euro an ehemalige Zwangsarbeiter ausgezahlt. Heute fördert sie aus den Einkünften aus ihrem Stiftungskapital von über einer halben Milliarde Euro vor allem völkerverständigende Projekte. »Entschädigungen für Zwangsarbeiter unterliegen dem guten Willen«, erklärt Wehner.
Zumindest den hat die Stadt gezeigt, als sie die beiden ermordeten Zwangsarbeiter Franz Jakubowski und der Wasyl Zwadiuk am 14. September mit einem Gedenkstein ehrte. Der Ehrenfelder Bezirksbürgermeister Josef Wirges und Dr. Werner Jung, Direktor des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, weihten ihn gemeinsam an der Hermann-Josef-Schmitt-Straße ein.