Retrospektive Kaneto Shino
In einer mittlerweile fernen Ära der Cinephilie, die von den kosmopolitischen 50er Jahren bis in die Weltkino-70er reicht, war Kaneto Shind? eine feste filmkulturelle Größe: ein progressiver Humanist, dessen Werke blockübergreifend verstanden und verehrt wurden, der einen klaren eigenen Kosmos kultivierte, dabei aber (scheinbar) mit jeder Arbeit ein weiteres Experiment wagte. Mit »The Island« (1960), einer dialoglosen Parabel über das erbärmliche Dasein einiger Weniger auf einem kargen Fels im Meer, gelang ihm der internationale Durchbruch. Zur Kenntnis genommen hatte man ihn vorher schon dank u.a. »Children of Hiroshima« (1952) und »Lucky Dragon No. 5« (1959), die sich beide frontal realistisch mit dem atomaren Horror beschäftigten. Heutzutage am berühmtesten ist wohl »Onibaba« (1964), der meist als Horrorfilm diskutiert wird, aber eigentlich eine sehr irdische Geschichte von Hunger und Mord, Begehren und Eifersucht erzählt. Und dann?
Dann beginnt schon das Vergessen, auch wenn Shind? bis in die 80er Jahre noch ab und an zu A-Festivals eingeladen wurde. Man wusste schon längst nicht mehr, wie man mit diesem Eklektiker und seiner ständigen Suche nach neuen Ausdrucksformen umgehen sollte. Er passte nicht mehr. Man reduzierte sein Schaffen auf ein, zwei Werke, die man fortan Klassiker nannte. Was zeigt, dass man sich mit seinem Kino nie ernsthaft auseinandergesetzt hatte. Denn von seinem diskret gefühlvollen, stark autobiographisch aufgeladenen Langfilmdebüt »Aisai monogatari« (1951) bis hin zu seinem letzten, mit 98 Jahren vollendeten, ebenfalls auf persönlichen Erlebnissen fußenden »Ichimai no hagaki« (2010) dreht sich sein Werk stets um das Irrationale allen Erdendaseins und die Lebenskraft, die den Menschen alles Elend und Grausen überwinden lässt. Shind? wusste, wovon er sprach: Seine Heimatstadt Hiroshima versank in einem atomaren Inferno — ein Moment, auf den er alle paar Filme wieder zurückkam.
Das Japanische Kulturinstitut bietet zwei Monate lang die Möglichkeit, das Schaffen dieses 2012 im Alter von einhundert Jahren verstorbenen Ausnahmeregisseurs zu entdecken. Das wird auf Film sicherlich nicht mehr allzu oft passieren.