Foto: Manfred Wegener

»Wir müssten mehr Flücht­linge auf­nehmen«

Caritas-Chef Peter Krücker sieht die Stadt Köln in der Pflicht

 

Herr Krücker, die Stadt verstößt mit ihren Plänen für eine Flüchtlings-Massenunterkunft an der Herkulesstraße gegen ihre selbst gesetzten Ansprüche. Kam das Wachstum der Flüchtlingszahlen so überraschend, dass nun ein Notplan her muss?

 

Die Stadt Köln hat sich lange darauf konzentriert, die 2001 gemeinsam mit dem Flüchtlingsrat entwickelten Leitlinien für die Unterbringung von Flüchtlingen zu erfüllen, und die sinkenden Zahlen ab 2004 haben es ihr auch leicht gemacht. Als die Zahlen dann wieder anstiegen, hat die Stadt erst einmal nicht reagiert. Aktuell ist es wichtig, dass die Stadt alles tut, um ein vernünftiges Niveau zu halten. Wenn man nicht darum herum kommt, Menschen zwischenzeitlich in Wohncontainern unterzubringen, müssen diese zumindest sanitäre Einrichtungen und Küchen haben. Es kann nicht sein, dass Kinder nachts im Winter über den Hof zur Toilette gehen müssen. Meine Sorge ist, dass die Stadt nun nur auf Masse setzt und nicht mehr auf menschenwürdige Unterbringung.

 

Der Mangel an Wohnraum ist ja kein Problem, das nur Flüchtlinge haben.

 

Für Flüchtlinge muss die Stadt eigene Gebäude bereitstellen oder anmieten, aber wenn die Menschen dann die Unterkünfte verlassen, brauchen sie preiswerten Wohnraum, von dem es in Köln viel zu wenig gibt. Die freien Träger der Wohlfahrtspflege haben vor zwei Jahren gemeinsam das Projekt »Auszugsmanagement« entwickelt, in dem wir Flüchtlinge in freien Wohnraum vermitteln. Das ist seitdem recht erfolgreich. Wir könnten das noch in einem deutlich größeren Umfang tun, aber die Stadt ist in ihren Entscheidungswegen auch hier zu träge und zu bürokratisch.

 

In vielen Städten eskaliert die Situation in Wohngegenden, in denen es Massenunterkünfte gibt. Es kam und kommt zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen, auch in Köln.

 

Massenunterkünfte bergen eine solche Gefahr, und was die Stadt an der Herkulesstraße plant, ist am Rande des Möglichen. 450 Menschen in einem Gebäude unterzubringen bietet auf der anderen Seite aber auch die Chance, eine gute Infrastruktur in Bereichen wie der Kinderbetreuung oder bei anderen sozialen Diensten anzubieten. Ich kämpfe sehr dafür, dass die Stadt dies anbietet. Geschieht das nicht, wird es ein Pulverfass.

 

Sieht die Stadt das Risiko Ihrer Meinung nach auch?

 

In den Gesprächen habe ich schon den Eindruck, dass die Beteiligten eine gute Infrastruktur schaffen wollen. Wenn man dann schaut, was umgesetzt wird, ist das häufig ernüchternd. Wo ist die Verbindung zwischen dem guten Willen, der in Gesprächen deutlich wird, und dem, was am Ende gemacht wird?

 

Ist das ein reines Problem der Kommune? Oder versagen da auch Bund und Land? Köln hat ja wie fast alle Städte in Nordrhein-Westfalen große wirtschaftliche Probleme.

 

Köln steht sicher mit dem Rücken zur Wand, aber gönnt sich immer noch Luxusprojekte wie das Jüdische Museum. Für so etwas sind die Mittel dann da. Aber Bund und Land vernachlässigen die Kommunen exorbitant und lassen sie mit ihren Problemen alleine. Bund und Land müssten sich deutlich stärker an den Kosten für Flüchtlinge beteiligen. Deutsch-land müsste und könnte, wenn wir an Syrien oder die Katastrophe in Lampe-dusa denken, deutlich mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber das geht nur, wenn der Bund sich stärker finanziell engagiert. 

 

NRW nimmt immerhin zusätzlich 1000 syrische Flüchtlinge auf.

 

Das ist ein wichtiges Symbol, aber man könnte auch syrischen Flüchtlingen, die heute in Lagern in Jordanien, der Türkei oder dem Libanon untergebracht sind, helfen, indem man den hier lebenden Syrern erlauben würde, ihre Angehörigen nach Deutschland zu holen. Das dürfen sie nicht, aber genau das wäre eine wichtige Hilfe. Ich bekomme ständig Anfragen von Familien, deren Verwandte noch in Syrien oder in Flüchtlingslagern leben und die sie gerne holen würden. Weil es kaum eine legale Möglichkeit für diese Menschen gibt, nach Deutschland zu kommen, können wir ihnen nur den Tipp geben, ihre Angehörigen illegal zu holen.