Fortgeschrittene Paranoia

Hans-Christoph Zimmermann über das Einreiseverbot Russlands für den Regisseur Milo Rau

 

Wie immer fehlt es der Demokratie an einer geeigneten Antwort. Im März hatte der in Köln wohnende Schweizer Regisseur Milo Rau seine »Moskauer Prozesse« über die juristischen Verfahren gegen die Band Pussy Riot und zwei Ausstellungskuratoren in der russischen Hauptstadt gezeigt. Mit zielgerichteten Aktionen war damals die Aufführung im Sacharow-Zentrum gestört worden. Eine absurde Aktion, denn die dreitägige Gerichtsshow mit »echten« Anwälten, Künstlern, Kirchenvertretern und einem Mitglied von Pussy Riot nahm alle Prozessbeteiligten kritisch unter die Lupe. Als Milo Rau nun ein weiteres Mal nach Russland reisen wollte, um für einen Film über seine »Prozesse« nochmals Gespräche mit den Beteiligten zu führen, hat ihm das russische Generalkonsulat in Bonn das Visum ohne Angabe von Gründen verweigert. 

 

Wie soll man darauf reagieren? Zahlt man mit gleicher Münze heim, dann übernimmt man undemokratische Praktiken. Sieht man selbstbewusst über den Vorgang hinweg, ist das ein Freibrief für weitere Schikanen. Die stille Akzeptanz des Westens hinsichtlich der Diskriminierung von Schwulen durch den russischen Staat war schon ein Unding. Die verweigerte Einreise beweist einmal mehr, dass Putin-Land weder demokratisch ist, wie der von allen guten Geistern verlassene und von Gazprom und TNK-BP bezahlte Gerhard Schröder meint, noch dass es autoritär ist. Sondern dass es sich auf eine Diktatur mit einer willfährigen Justiz, Pressezensur und stalinistischen Arbeitslagern zubewegt. Wer die Berichte über die Haft des Pussy Riot-Mitglieds Nadeschda Tolokonnikowa liest, kann zu keinem anderen Schluss kommen.

 

Absurd ist der Vorgang auch PR-strategisch, weil er Teil einer Reihe von Vorfällen ist, die das Regime unmittelbar vor den Winterspielen in Sotschi in ein immer düstereres Licht rücken. Was eine Reaktion des Westens zudem schwierig macht, ist das Einreiseverbot, das die USA gerade — ebenfalls ohne Angabe von Gründen — über Ilija Trojanow, einen deutschen Schriftsteller und Kritiker der geheimdienstlichen Überwachung, verhängt haben. Es ist ein Zustand fortgeschrittener Paranoia, der beide Staaten (und auch andere) ergriffen hat, auch wenn die jeweiligen politischen Systeme völlig unterschiedlich sind. Klar ist aber auch, dass es sich dabei um eher symbolische Akte handelt, die einzig und allein der Abschreckung durch Willkür dienen. Milo Rau wird seinen Film über die »Moskauer Prozesse« trotzdem fertigstellen — dann eben ohne russische Hilfe.