Privatsache Kind
Für eine Hausband haben die »Cheekinis« einen ganz guten Geschmack. Mit Keyboard, Drums und Gitarre stehen sie auf einem Ehrenfelder Hinterhof und spielen Linkin Park — es ist das Eröffnungfest der Kindertageseinrichtung »Cheeky Bambini«. 16 Kinder zwischen null und sechs Jahren werden hier betreut, man spricht Deutsch und eine Fremdsprache — wahlweise Englisch oder Italienisch. Fünf Erziehungskräfte kümmern sich um die jungen Zweisprachler. Kostenpunkt des Ganzen: die übliche Gebühr an die Stadt, 75 Euro Mitgliedsbeitrag plus 50 Euro Essensgeld.
Neueröffnungen wie diese sind mittlerweile die Regel. 619 Kitas gab es Anfang September in Köln, insgesamt 19 Kindertageseinrichtungen sollen bis Mitte 2014 dazu kommen. Die Kirchen eröffnen keine neue Einrichtung, die Stadt lediglich eine, die gemeinnützige KölnKitas GmbH zwei. Die restlichen 16 entfallen auf Verbände, Vereine oder Elterninitiativen. Eine Kita zu eröffnen ist in Köln zur Privatsache geworden.
Was nach selbstbestimmter Erziehung klingt, ist aus der Not geboren. Denn der Bedarf an Kita-Plätzen ist weiterhin hoch, gerade bei Kindern unter drei Jahren. 36 Prozent betrug die Versorgungsquote im August 2013. Von der Gründungsversammlung der »Cheeky Bambini« in einem Nippeser Brauhaus bis zum Einzug an der Vogelsanger Straße war es ein weiter und kostspieliger Weg. »Manche Mitglieder haben ihre Elternzeit für das Projekt geopfert«, erzählt Antonietta Abbruscato, die Vorstandsvorsitzende des Fördervereins. Die Bürokratie macht es den zukünftigen Kita-Betreibern nicht leicht. Für manche Genehmigungen und Anträge ist ein Mietvertrag nötig, andererseits wird geraten, diesen erst bei Vorlage der entsprechenden Genehmigungen zu unterzeichnen. Ein hohes Risiko auf allen Seiten. Der Vermieter muss das Gebäude zurück halten, die Eltern gehen in Vorleistung. Gut 90.000 Euro haben die Eltern in die »Cheeky Bambini« investieren müssen. »Da sind Kredite dabei, die bis weit über die Kita-Zeit der eigenen Kinder laufen«, berichtet Abbruscato.
Trotz des offensichtlichen Platzmangels legen die Behörden strenge Maßstäbe an die neuen Kitas an. An der Krefelder Straße sind seit Ende September zwei Ladenlokale zu vermieten. Ein paar Tage zuvor spielten hier noch Kinder. »El Sonajero« — die Rassel — hieß die Einrichtung von Helen Meíras Pe?ez, in der sie seit 2006 Kinder auf Deutsch und auf Spanisch betreute. Nur einen Gewerbeschein hatte Meíras Pe?ez nie beantragt. Im Sommer meldete sie das Gewerbe an und beantragte beim Landesverband Rheinland (LVR) eine Betriebserlaubnis, die dieser ihr nach einer Inspektion der Räume verweigerte. »Aus pädagogischer Sicht und Gründen des Gesundheitsschutzes und der Sicherheit völlig unzureichend« bewertet Till Döring vom LVR die Kita an der Krefelder Straße. Es gebe nicht genügend Schlafgelegenheiten, Küche und Garderobe seien nicht vom Spielraum abgetrennt. Zudem habe »nicht eine einzige pädagogische Fachkraft« in den Einrichtungen gearbeitet. Ein Einwand, den Meíras Pe?ez, die in Spanien Sozialpädagogik studiert hat, nicht gelten lassen will. »Ich habe seit 17 Jahren betreut, zuerst bei der AWO, dann in meiner eigenen Einrichtung.«
Auch die Eltern stehen hinter ihr. Mit einer Unterschriftenliste und Briefen haben sie sich an das Jugendamt und den LVR gewandt, der Einrichtung ihr Vertrauen ausgesprochen — trotz der offensichtlichen Vorschriftswidrigkeiten. »Wir wollen den Eltern das nicht absprechen«, meint Döring, »aber das sind nicht die ausschlaggebenden Gründe für eine Betriebserlaubnis.« Man habe für alle Kinder einen neuen Platz gefunden. Für Meíras Pe?ez bedeutet das Aus für ihre Kita auch eine Zwangspause ihrer pädagogischen Tätigkeit.
Auch eine andere Gruppe sieht durch Politik und Verwaltung ihre berufliche Zukunft in der Kleinkinderziehung gefährdet. Dazu gehört Britta Marx. Früher hat sie im Kultursektor gearbeitet, bald will sie eine Kindertagespflege eröffnen. Dabei im Weg steht ihr ein Beschluss des Rats von Anfang Oktober, der ein Urteil des OVG Münster umsetzt, nach dem Kitas und Tagespflege gleichgestellt werden sollen. Momentan müssen Eltern in der Kindertagespflege in der Regel zusätzlich zu den städtischen Gebühren noch eine Zuzahlung an die Tageseltern leisten. Um das zu ändern, steigerte die Stadt ihre Zahlungen an Tageseltern von 3,50 Euro auf 5 Euro pro Kind und Stunde. Wird ein Raum für die Betreuung angemietet, erhöht sich der Zuschuss auf 5,50 Euro. Im Gegenzug dürfen die Tageseltern keine eigenen Gebühren für die Kinderbetreuung mehr erheben. »Eigentlich ist das eine gute Idee, weil es sozial gerechter ist«, findet auch Britta Marx. »Aber 5,50 Euro sind einfach zu wenig.« Ursprünglich wollte sie drei Kleinkinder unter drei Jahren betreuen. Nach dem Ratsbeschluss erhält sie dafür 1980 Euro — nicht Gehalt, sondern Betriebseinnahmen. Davon müssen Nahrung, ein Ladenlokal, Spielsachen, Möbel etc. bezahlt werden. Zu wenig, sagt sie. »Ich werde jetzt fünf -Kinder betreuen müssen anstatt drei.«