Einmal Exzess und zurück
Sven Regener ist zurück. Obwohl er gar nicht weg war. Vier Jahre ist es her, dass er zuletzt einen Roman veröffentlichte, zwischendurch folgten ein Album, ein Drehbuch und ein Wutausbruch. Viel Stress für jemanden, der gerade ein 500 Seiten starkes Buch veröffentlicht hat. In Mittelpunkt von »Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt« steht — Überraschung! — Karl Schmidt, einer der Charaktere aus »Herr Lehmann« »Karl Schmidt war ja ein Typ, der eins zu eins ist, der durch die Wand geht«, charakterisiert ihn Regener.
Am Ende von Regeners Debütroman, kurz vor der Eröffnung seiner ersten Ausstellung, erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Zu Beginn von »Magical Mystery« wohnt Schmidt nach einem Psychiatrieaufenthalt in einer betreuten WG in Hamburg, wo er Raimund Schul-te, einem alten Kumpel aus Berliner Tagen, über den Weg läuft. Schulte hat das Subkulturgewurschtel der 80er Jahre gegen das ebenso wurschtelige, aber deutlich lukrativere Dasein als Betreiber des Technolabels Bumm Bumm Records eingetauscht — inklusive Kühlschrank voll Champagner und einer grenzdebilen Hitsingle namens »Alpha Beta Gamma Techno«. Ein Schelm, wer da nicht an das Low-Spirit-Imperium von Westbam denkt. »Mir war wichtig, dass das Buch kein Schlüsselroman wird«, schränkt Regener aber ein. »Ich hätte Angst, dass ich dann einer realen Person nicht gerecht werden könnte.« Und so sei »Magical Mystery« ein Abenteuerroman — wie »Huckleberry Finn«. Aber wo der junge Huck Finn vor dem betreuten Leben bei seiner Tante auf den Mississippi flieht, flieht Karl Schmidt vor dem betreuten Leben zurück in die Kultur, zu seinen alten Kumpels aus der Berliner Subkultur.
In dieser Kultur wird viel geredet. Wie alle Romane von Regener entwickelt dieser seine Ge-schichte hauptsächlich über die Dialoge. Wobei »reden« vielleicht der falsche Ausdruck ist. In »Magical Mystery« wird gelabert. Viel gelabert. Ohne Ende gelabert. »Die schaukeln sich in der Gruppe gegenseitig hoch und verlieben sich in bestimmte Wörter«, beschreibt Regener seine Charaktere und ihr Gerede von Gummistiefeltechno, Faceless Techno und »Magical Mystery«. Bei Regener enden all die Versuche des Schreibens über Kunst oder Popmusik am Tresen, wo sich seine Charaktere wie einer Buddy-Komödie redebesoffen ins Wort fallen: ein wenig hart, aber herzlich. Jungskumpelig halt. Dabei ist egal, ob sich ihr Lo-Fi-Bohemiantentum sich als experimentelle Kunst, 80er-Berlin-Schluffitum oder Techno ausdrückt. Regener steht den Milieus seiner Charaktere nahe, seine Frau Charlotte Goltermann betrieb lange das Houselabel Ladomat. »Ich mochte an der Techno-Szene immer, dass die Leute ihre Kunst sehr geliebt haben und trotzdem ein lockeres Verhältnis dazu hatten«, plaudert Regener aus dem Nähkästchen. »Die können sich auch Sachen an den Kopf werfen und das alles nicht so wichtig nehmen.«
»Alles nicht so wichtig« — außer für Karl Schmidt. Der muss nämlich seinen Druffi-Freunden als Chauffeur auf ihrer »Magical Mystery«-Labeltour dienen und dabei nüchtern bleiben, damit seine Psychose nicht wieder ausbricht. Schmidt ist der Außenseiter dieser Buddy-Komödie, die — soviel sei verraten — ein Happy End bereithält. Ausgerechnet in Köln wird sie aber zu einer Reise in das Innere eines Protagonisten. Hier geht alles schief: Der Club stellt sich als langweiliger »After Work«-Laden heraus, der Tour-Bulli hat eine Panne. Und in einem Antiquariat findet Karl Schmidt den Katalog seiner Ausstellung, deren Eröffnung er nicht erleben konnte. Schmidt kauft ihn und verpackt ihn in einer blickdichten Tüte. Die Domstadt als biographischer Downer — war das Absicht? »Nein, man darf nicht vom Einzelnen aufs Ganze schließen«, meint Regener. Es sei halt Zufall, dass diese Episode in der Domstadt spielt. »Wenn ich Angst haben muss, die Kölner zu verschrecken, dann kann man in Köln gar keine Geschichten spielen lassen außer rein affirmative, und das wäre ja wirklich ein Problem«, entgegnet er angriffslustig.
Regener ist ja nicht nur der Musiker, dessen Texte bei Element of Crime zärtlich zurückhaltend sind, sondern auch ein Polterer, abonniert auf die Rolle des Diskurs-verweigerers. Auch beim Mittagskaffee fällt er schnell in seine angestammte Rolle zurück. »Ich unterhalte mich nicht darüber. Ich will das auch gar nicht wissen«, antwortet Regener auf die Frage, ob seine Leser ihn schon mal auf eine Idee für seine Kunst gebracht haben. Kritiken lese er nicht. Andere Schriftsteller? »Interessieren mich als Leser, aber nicht wenn ich schreibe.« Kein Mensch ist eine Insel — außer Sven Regener?
Aber das eigentlich verblüffende: es funktioniert. Nicht nur Spex beschreibt ihn als »ehrlich«, auch ansonsten nützen Regener seine klaren Worte. Letztes Jahr brach es in einem Radiointerview wieder mal aus ihm heraus. »Man pinkelt uns ins Gesicht«, regte er sich über die Copyright-Verstöße durch Google oder das mittlerweile vom Netz gegangene Megaupload auf und löste damit eine Debatte über das Urheberrecht aus. Für die einen war er eine anachronistische Figur des analogen Zeitalters, für die anderen derjenige, der mit der Faust auf den Tisch haut, wenn — Verdammt! — der richtige Zeitpunkt gekommen ist. »Ich hätte danach noch 2000 weitere Interviews geben können, als ob ich nix Besseres zu tun hätte«, blickt er zurück. »Aber der Zorn ist weg, bestimmte Unverschämtheiten scheinen so nicht mehr stattzufinden.« Zorn, Unverschämtheit — früher hätte man gesagt, dass so der Spießer spricht, der das eigene Eingeschnapptsein vor die offene Diskussion stellt. Bei Regener wird all das zum Markenkern einer »ehrlichen Haut«, die sich gerade dadurch um so stärker anpreist.
Buch: Sven Regener, »Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt«, Galiani, Berlin 2013, 502 S., 19,99€