Initiative »Suchet der Stadt Bestes«: Wer ist Wir?
Der gestelzte Genitiv stammt aus Luthers Bibelübersetzung, die Idee aber von einer Katholikin. Hannelore Bartscherer ist Vorsitzende des Katholikenausschusses. Sie gilt in dieser Funktion als undogmatisch, ihr humanitäres Engagement, etwa für Flüchtlinge, hat ihr jenseits klerikaler Kreise Sympathien verschafft. Das gilt auch für den Caritas-Chef Peter Krücker. Gemeinsam haben sie unter dem Psalmenwort »Suchet der Stadt Bestes« (Jeremia 29,7) eine Initiative gestartet, die die Stadtgemeinschaft zum Zusammenhalt aufruft.
Dafür hatte man bereits vor anderthalb Jahren einen Gesprächskreis gebildet, um vielfältige Stimmen zu hören. Mit dabei auch der Kölner DGB-Boss Andreas Kossiski und Franz-Xaver Corneth, Vorsitzender des Mietervereins Köln. Nun liegt ein Manifest vor, das diese fünf und weitere Personen mit Einfluss unterzeichnet haben, etwa die Kölner Bauunternehmer Anton Bausinger und Paul Bauwens-Adenauer.
Ausgerechnet der Letztgenannte avancierte durch ein Stadt-Anzeiger-Interview plötzlich zum Kopf der Bewegung, von der man kaum in Erfahrung bringen kann, was sie genau will. Denn das Manifest ist eine Ansammlung von Polit-Floskeln, bürokratischem Schwulststil und modischen Metaphern. Überraschend: Keiner der Beteiligten scheint beleidigt, wenn man das sagt. Das Papier, so etwa Bartscherer, sei halt ein Kompromiss. Es ist die Rede von »nicht genutzten Potenzialen«, »chronischer Unterfinanzierung unserer Infrastruktur« und einer »Vision von morgen«. Man kann sich vorstellen, wie etwa der CDU-Mann und IHK-Chef Bauwens-Adenauer mit Thomas Münch, ehemals Leiter des Kölner Arbeitslosenzentrums e.V. (KALZ), nach Worten sucht, unter die beide ihren Namen setzen möchten.
Von Bauwens-Adenauer weiß man, dass er Köln seit jeher ermuntern will »größer zu denken«. Das heißt dann, dass stadtplanerische »Leuchtturmprojekte« oder ein Autobahnausbau im Mittelpunkt des Engagements stehen. Thomas Münch hingegen hatte das KALZ zu einer »parteilichen Sozialberatung« gemacht, er kritisiert Neoliberalismus, »Stadt als Beute« und »unbegrenzte Profitlogik« — nicht im Maniferst, sondern wenn man mit ihm persönlich spricht. Münch versteht die Initiative als »Grundlage einer Gegenmacht«. Das aber ist nicht die Rhetorik, die sich die Vertreter etablierter Parteien gern anhören. Auch die sind nämlich im Bündnis vertreten, wenn auch nur SPD-Mitglieder.
Jochen Ott, Chef des Kölner SPD-Unterbezirks, erklärt seine Motivation. Die Stadtgesellschaft sei fragmentiert, zu viele Einzelinteressen, kein Blick mehr auf das Ganze. In Zeiten leerer Kassen schwinde die Solidarität, etwa wenn sich Vertreter der Kultur gegen die Unterstützung sozialer Initiativen wenden, so Ott. Allerdings wird im Manifest rhetorisch gefragt, ob »alles noch barrierefreier, sicherer, umwelt- und sozialverträglicher« sein müsse. Ist eben das nicht eine Einstimmung auf Kürzungen in der Sozialpolitik? Ott widerspricht. Er habe nichts dagegen, »auch soziale Projekte zu evaluieren, denn man kann schon fragen, ob das Geld wirklich dort ankommt, wo es hingehen soll.« Allerdings ruft das Manifest dazu auf, nicht zu fragen, was die Stadt für einen selbst tun kann, sondern was man selbst für die Stadt tun könne. Das klingt nun nicht gerade sozialdemokratisch und ist auch kein Satz, den man als erstes mit der katholischen Soziallehre in Verbindung bringen würde. Unklar bleibt, wer »die Stadt« und »Wir« überhaupt sind. Solange dies nicht geklärt ist, weiß man trotz der guten Gesprächsatmosphäre, die alle betonen, gar nicht, worüber man spricht. Vielleicht ist der Versuch schon falsch, ein gemeinsames »Wir« zu beschwören, statt offenzulegen, wer in der Stadt eigentlich welche Interessen vertritt.
Bartscherer erzählt, dass man sich gemeinsam etwa die unhaltbaren Zustände an einer Grundschule in Porz-Gremberghoven angeschaut und sich erkundigt habe, wie es die kleine Kammeroper in Rodenkirchen schafft, ohne ausreichende städtische Mittel den Betrieb zu sichern. Und im Dezember will man wieder zusammengekommen, um die Situation der Flüchtlinge in Köln zu besprechen. Nicht auszuschließen, dass man eine Stellungnahme verfasse. Aber danach sei erst mal bis zur Kommunalwahl im Mai Pause, erklärt Jochen Ott. Wegen des Wahlkampfs. Die Themen sollen nicht zerredet werden. Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich hier Funktionäre versammelt haben, die sich nicht entscheiden können, ob sie klare politische Forderungen stellen oder lediglich ein Gesprächskreis sein möchten.
Für Hans Mörtter, evangelischer Pfarrer und Mitunterzeichner, ist alles ohnehin nur ein »Warming up« und »Suchet der Stadt Bestes« bloß ein Anfang für »ganz viele, immer neue Initiativen mit anderen Menschen«. Mörtter redet viel von Flüchtlingen, Alleinerziehenden, Obdachlosen, mit denen er täglich zu tun hat. Gut möglich, dass ihm bei dieser Arbeit die Sichtweise von Bauunternehmern nicht weiterhilft. Auf Jeremia 29,7 folgt 29,8. Und da heißt es: »Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen!«