Abendessen im Freilicht-Wohnzimmer
Eine Wohnungstür gibt es ebenso wenig wie eine Klingel. Die Schuhe behält man besser an, denn der Hausflur besteht aus nasser Erde. Während man in anderen WGs den Flur fegt, muss man hier im Herbst das Laub rechen. Am besten regelmäßig, sonst wird aus Matsch schnell Schlamm. In der »Wohnung« lohnen sich deshalb auch wasserdichte Stiefel.
Tief im Süden Zollstocks haben sich meine Mitbewohner auf dem Grundstück der Siedlungsgenossenschaft Kalscheurer Weg eine Wohngemeinschaft im Grünen aufgebaut. Zwischen dem Reitstall »Minnesota« und dem Tennisklub Buchholz stehen vier Bauwagen. Es gibt einen Holzschuppen, eine kleine Werkstatt und einen Wagen, in dem Lebensmittel und Küchengeräte Platz finden und der an kalten Tagen als Wohnzimmer dient. In einem selbst gebauten Häuschen stehen Waschmaschine und Badewanne.
In Köln eine bezahlbare Wohnung zu finden, ist Glückssache, besonders für die rund 80.000 Studierenden an den Hochschulen. Wegen des doppelten Abiturjahrgangs trifft es vor allem die rund 6600 Erstsemester hart: Mangels Wohnraum mussten einige von ihnen zu Semesterbeginn in Notunterkünften des AStA untergebracht werden, da sie sonst »auf der Straße geschlafen hätten«, heißt es von AStA-Vertretern. Um auf die Lage aufmerksam zu machen, ließ das Kölner Studentenwerk sogar Studierende in den Schaufenstern der Stadtbibliothek übernachten.
Im Schnitt zahlen Kölner Studenten 359 Euro pro Monat für ein Zimmer, inklusive Nebenkosten. Damit liegt Köln 20 Prozent über dem Bundesdurchschnitt und belegt im Ranking des deutschen Studentenwerks Platz eins. Hier auf dem Bauwagenplatz zahlt man gerade mal 64 Euro im Monat. Strom, Wasser und W-Lan sind da schon mit drin. Geheizt wird mit Holzöfen, aber die meiste Zeit verbringen wir sowieso draußen. Wir kochen auf einem Gasherd im Freien und nehmen auch die gemeinsamen Abendessen in unserem Freilicht-Wohnzimmer ein. Abgespült wird mit einem Gartenschlauch samt Brauseaufsatz. Das Spülwasser dient ebenso wie das Wasser in der Regentonne anschließend als Toilettenspülung.
Schon die Kalscheurer Siedlung ist aus der Wohnungsnot nach dem Krieg entstanden. In den 70er Jahren wurde sie zur Anlaufstation für Hippies und Kommunarden und drohte seither immer wieder von der Polizei geräumt zu werden. 2001 vereinigte sich das bunte Dörfchen zu einer Genossenschaft und kaufte das Gelände. Kleine, fast überwachsene Wege zwischen den Häusern geben dem Ort etwas Verwunschenes. Kein Haus hier sieht aus wie das andere. In einem Garten weiden Schafe, vor einem anderen steht eine Sammlung gutbürgerlicher Gartenzwerge. Künstler, Musiker, Akademiker, Arbeiter, Kleinfamilien und Studenten leben neben- und miteinander. Man hilft sich, wo man kann. Sei es, dass man sich vom Nachbarn mal das Auto leiht, ein Pfund Mehl oder eine Kettensäge.
Beim AStA steht man derart kreativen Wohnungslösungen aufgeschlossen gegenüber. »Das ist durchaus eine Möglichkeit«, erklärt Sozialreferent Christopher Kohl. Allerdings nur, solange derartige Wohnformen »nicht durch Notsituationen erzwungen werden, denn dann stimmt am Gesamtkonzept etwas nicht«. Kohl sieht nun vor allem die Verwaltung in der Pflicht, rasch entsprechende Baumaßnahmen in die Wege zu leiten. »Denn dass mit den doppelten Abiturjahrgängen mehr bezahlbarer Wohnraum nötig wird, wusste man seit Jahren.« Wichtig sei dabei, dass die Wohnungen möglichst in Uninähe und nicht an der Kölner Peripherie entstünden, so Kohl.
Im Süden Zollstocks stehen andere Dinge im Fokus. Die frostigen Temperaturen und die inzwischen fast kahlen Bäume kündigen den Winter an. Den Holzschuppen haben wir bereits mit reichlich Feuerholz gefüllt. Im beheizten Wagen ist es nachts kuschelig warm und es riecht nach Rauch. Idyllisch ist das – solange man nicht nachts aufs Klo muss. Dann heißt es, Hose und Jacke an und raus in die Kälte.