»Inside Llewyn Davis«
Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist aus der Welt gefallen: Nicht nur mangelt es dem verarmten Folkmusiker im New York des Jahres 1961 an einer Bleibe, weshalb er seine Freunde längst schon mit Schlafplatzanfragen überstrapaziert hat, auch trifft sein Bemühen um künstlerische Integrität noch nicht den Zeitgeist. Er schreibt seine Songs kurz vor jener Zeitenwende, in der sich weite Teile der Popmusik von der industriellen Überformung hin zu einer Ästhetik des persönlichen Ausdrucks emanzipierten.
Kurz gesagt ist Davis mit seinen fragilen, im legendären Gaslight Café gespielten Balladen seiner Zeit um Haaresbreite voraus: Während er wie ein getretener Hund in der Gosse landet, zupft drinnen im Café ein gewisser Robert Zimmermann die Saiten, kurz bevor er als Bob Dylan den Pop revolutionieren wird.
Gut möglich, dass Davis’ De-bütalbum heute, da Singer-Songwriter in der Popwelt wieder reüssieren, als Rarität eines Outsider-Künstlers gehandelt, womöglich sogar als Pionierleistung eines Verschollenen neu aufgelegt werden würde — schließlich hat die Wiederentdeckung verwehter Künstler momentan Konjunktur.
Joel und Ethan Coen (Interview S.51) reichen diesen späten Glamour nicht nach, auch wenn er als Fluchtpunkt doch hinter den Bildern zu liegen scheint. Sie beschränken sich ganz auf die Binnenperspektive ihrer in herbstlichen Farbtönen gediegen erzählten Geschichte eines irrlichternden Verlorenen. Etwa in einer demütigenden, typischen Coen-Szene bei Davis’ obskurer Plattenfirma, in der sie die Widrigkeiten des Lebens und die Unbeweglichkeit der Verhältnisse zu einer Hölle ganz eigener Art eindicken.
Auch wegen des ständig schwelenden Widerstreits zwischen künstlerischer Integrität und prekärer Lebenswirklichkeit erinnern diese und andere Szenen an das Coen-Meisterwerk »Barton Fink«, in dem ein Theaterautor an Hollywood verzweifelt. Stellten sie hier noch die Eitelkeiten einer Künstlerseele bloß, zeichnet »Inside Llewyn Davis« ein deutlich ambivalenteres Bild. Und man glaubt es kaum: Wirft man den Coens auch oft mangelnde Empathie vor, wird »Inside Llewyn Davis« inmitten eines bitterkalten New Yorker Winters von viel menschlicher Wärme durchzogen.