»Der Kardinal kann damit nichts anfangen«
Cecil B. DeMilles Monumentalfilm »King of Kings« von 1927 erzählt so stumm wie opulent die letzten drei Jahre Jesu inklusive Aufer-stehung. Für die Auferstehungs-szenen verwendete der Regisseur bereits das Material, von dem er wusste, das ihm die Zukunft gehört: Farbfilm. Um seine Hauptdarsteller neutestamentarisch einzustimmen, wurden strenge moralische Gebote vertraglich fixiert. So durften Jesus-Darsteller H.B. Warner und Dorothy Cumming, die die Maria spielen sollte, fünf Jahre lang nicht ausschweifen — keine Nachtclubs, kein Kartenspiel, keine Freibadbesuche, nicht einmal Cabrio fahren war ihnen gestattet.
Eine Kirche ist also nicht der unpassendste Rahmen, um diesen Film, der als das erste abendfüllende Jesus-Biopic gilt, aufzuführen. Doch was so naheliegend scheint, wird von Wilfried Kaets, der den Film in der Bickendorfer Rochuskirche am 29. und 30. November mit Chor- und Orchesterbegleitung aufführt, umgehend relativiert: »Wir haben auch »Nosferatu« hier gezeigt, oder »Blue« von Derek Jarman, mir geht es weniger um originär christliche als um die großen menschlichen und universellen Themen.« Es seien bei Performances gar schon Nackte am Altar rumgesprungen. »Aber nicht als Tabubruch, es ergab schon im Kontext der Aufführung Sinn.«
Der studierte Kirchenmusiker Kaets bekleidet seit 1990 eine Halbtagsstelle in der Bickendorfer Gemeinde, doch wenn er von der Arbeit erzählt, hat es den Anschein, es wären drei Vollzeitstellen: Er ließ im Rahmen einer Holocaust-Gedenkveranstaltung sechs Millionen Tropfen blutroten Lack von der Kirchendecke tropfen, zum Millenium installierte er eine überdimensionale Sanduhr, bis der Altarbereich von einer Düne beherrscht wurde. Er veranstaltet Space- und Zappa-Nights, bei denen er Kompositionen des berühmten Freigeists live aufführt. »Da ist der Tempel voll«, freut sich Kaets. »Ich bewundere Zappas Musik und mache immer etwas zu seinem Todestag im Dezember«. Am 8. Dezember wird er Zappas »G-Spot-Tornado« auf der Hochgeschwindigkeitsorgel darbieten. Natürlich gibt es in der Gemeinde auch ein Tagesgeschäft: »Ich begleite Menschen musikalisch unter die Erde, und was eben noch so anliegt.« Ungefähr fünfzig musikalische Veranstaltungen im Jahr gestalte er im Rahmen der Liturgie, fünf seien experimenteller Natur. Demnächst führt er Werke des russischen Komponisten Gretschaninow auf. »Das ist eine Art Mahler für Arme, aber recht schön. Wenn ich so was regelmäßig bringe, dann ertragen die Leute auch den schrägen Quatsch, den ich mache.«
Gefallen seinem obersten Dienstherrn seine experimentellen Kunst-Projekte? »Der Kardinal kann damit nichts anfangen.« Aber wenn er sein Kommen mal ansage, dann spiele Kaets eben Mozart. »Den mag der Kardinal. Ich nenne dieses Vorgehen Ärgerminimierung.« Zu dieser Politik gehöre auch, dass er seine Projekte nicht in der Kirchenzeitung ankündigt: »Sonst gäbe es bereits im Vorfeld Widerstand.«
Mit Bedenkenträgern möchte sich Kaets aber nicht lange aufhalten, so hat er in »Nacht- und Nebelaktionen« die beeindruckende Kirchenorgel wieder farblich freigelegt, ein High-End-Soundsystem unter der abgehängten Kirchendecke installiert und auf der Empore einen schweren Ernemann-35mm-Projektor in den Boden eingelassen. Der nächste Film, den Kaets dort einlegen wird, ist sein »King of Kings« — die Kopie gehört tatsächlich ihm und seinem Vorführer Joachim Steinigeweg vom Cinepänz-Festival. »Steinigeweig sammelt Stummfilme und hat die Kopie in den USA entdeckt. Die lag wahrscheinlich jahrelang unbeachtet in irgendeinem Keller, ist aber in einem guten Zustand.« Kaets und Steinigeweg ersteigerten sie. »Ein paar hundert Dollar hat uns das gekostet.« Zu seiner Kopie wird auch seine Musik laufen: Eine Komposition für 140 Musiker — Orchester, Chor und Solisten. Mitwirkende sind der RochusChor, Schüler der RochusMusikschule und das professionelle Orchester der Rochuskirche. »Der Klang in der Kirche ist einzigartig, wir haben hier nur ganz wenig mehr Hall als die Philharmonie.« Die Akustik verdankt sich der Bombentreffer des Weltkriegs: »Wenn wir nicht diese abgehängte Holzdecke hätten, sondern eine nach oben offene Kirchenecke, dann wäre es klanglich sehr viel komplizierter.«
Die Musik, die zu »King of Kings« aufgeführt wird, entstammt vollständig Kaets Feder, er greift auf keine bereits vorliegende Filmmusik zurück. »Es gibt ja in den seltensten Fällen Stummfilme mit fest dazugehörigen Kompositionen«, so Kaets, der sich seit zwanzig Jahren mit Stummfilmen beschäftigt und als Dozent für Filmmusik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gelehrt hat. Bei der Komposition von Filmmusiken gehe er nicht nur auf den jeweiligen Film und das Genre ein, sondern berücksichtige auch Ort, Veranstalter und Anlass. »Beim Ausarbeiten der Partituren ist nichts zufällig, kein einziger Paukenschlag. Alles hat seinen Sinn. Dass zu ›King of Kings‹ 140 Musiker und Sänger auftreten, war zunächst nicht geplant. Aber bei der Arbeit kamen immer weitere Instrumente hinzu, die die Filmmusik hier braucht.«
Kaets hätte auch gerne eine Musik zu Charlie Chaplins »Goldrush« geschrieben. »Doch da hatte ich sofort die Schweizer Anwälte der Erben am Hals. Die wollten mich zwingen, nicht nur eine bestimmte Musik zu spielen, sondern dafür auch ein bestimmtes Orchester für viel Geld zu engagieren. Als ich Nachweise sehen wollte, dass es sich tatsächlich um eine Originalmusik handelt, kamen noch mehr Anwälte und drohten mir astronomische Strafzahlungen an. Ich habe dann auf eine weitere Kraftprobe verzichtet, obwohl ich mir sicher bin, dass die Erben im Unrecht sind.«
Von derlei Ungemach entspannt sich Kaets kurz vor Weihnachten im Oman, der Sultan hat ihn in seine Philharmonie eingeladen. Dort wird Kaets zu einem Film spielen, den er selber mitbringen wird auf die Arabische Halbinsel: »Der General« von Buster Keaton.