Überbordend sinnlich

 

Coming-of-Age-Drama: Blau ist eine warme Farbe von Abdellatif Kechiche

Es geschieht nicht oft, dass man einen dreistündigen Film sieht und in dem Augenblick, in dem man zu ahnen beginnt, dass die letzte Szene gekommen ist, wehmütig ausrufen möchte: »Nein, bitte noch nicht aufhören!« »Blau ist eine warme Farbe«, die neue Arbeit des französisch-tunesischen Regisseurs Abdellatif Kechiche, ist so ein Film, und das hat vor allem mit der Darstellerin der Hauptfigur Adèle (Adèle Exarchopoulos) zu tun. Sie schenkt dem Film eine schier überbordende Sinnlichkeit. Schön, dass die Jury das bei den Filmfestspielen von Cannes ähnlich sah und »Blau ist eine warme Farbe« mit der Goldenen Palme auszeichnete, ausdrücklich als Anerkennung für den Regisseur und die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux.

 

Der Film adaptiert die gleichnamige Graphic Novel von Julie Maroh; es geht um das Coming of Age einer jungen Frau — Adèle — in Lille. Sie verliebt sich in eine andere junge Frau, Emma (Seydoux), macht Abitur, wird Grundschullehrerin, wird von Emma verlassen und trauert. Kechiche versteht sich wie kaum ein anderer Regisseur darauf, sinnliche Momente in Szene zu setzen: wie Adèle Nudeln mit Tomatensugo isst, wie ihre Zunge ihre Schneidezähne umspielt, bevor sie Emma zum ersten Mal küsst, oder wie sie eine Auster im Mund hin und her schiebt, bevor sie sie mit Mühe schluckt. Das macht deutlich, dass sie an diese Art von Essen weder gewöhnt ist, noch Gefallen daran findet, an der Konsistenz nicht, am Geschmack nicht und schon gar nicht daran, dass eine Auster noch lebt, wenn man sie in den Mund nimmt.

 

 

Doch damit ist auch ein Problem des Films umrissen. Bisweilen geht Kechiche zu didaktisch vor, etwa dann, wenn der Schichtunterschied zwischen den beiden Liebenden — Adèle stammt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, Emma aus einer arrivierteren Familie — in zahlreichen Details betont wird. Einmal, während einer Party, schwadroniert die Figur eines älteren Galeristen lang und breit über weibliche Jouissance. Das gerät plakativ, zumal es sich mit einer ausführlichen, zeigefreudigen Sexszene doppelt, die vor allem dazu dient, die etwas altbackene, differenzfeministische These von der maßlosen weiblichen Lust zu illustrieren. Maroh, die Autorin der Graphic Novel, hat sich von dieser Szene distanziert: das, was da als lesbischer Sex gelte, sei »brutal und chirurgisch, demonstrativ und kalt«, schreibt sie in ihrem Blog. Aber sie betont auch, dass es sich dabei nur um einige Minuten von drei Stunden handelt. Und an denen ist vieles zum Niederknien.