Dämonen einer Zeiten­wende

Comic-Verfilmung: »Alois Nebel« von Tomáš Luák

In der Tschechischen Republik entwickelte sich Anfang der Nuller Jahre ein Comic zum kulturellen Massenphänomen: »Alois Nebel«, geschrieben von dem Romancier Jaroslav Rudiš, grafisch gestaltet vom Frontmann der Rockband Priessnitz Jaromír Švejdík (aka Jaromir 99). Über drei Bände hinweg wird die Geschichte des Fahrdienstleiters Nebel in einem Kaff im Sudentenland erzählt. Nebel wird 1989, im Jahr des Umbruchs, von Dämonen einer früheren Zeitenwende heimgesucht: der Vertreibung, wenn nicht gleich Niedermetzelung der deutschsprachigen Bevölkerung des Landes 1945.

 

Das ist kein Stoff für einen typischen Bestseller. Gleiches gilt für dessen visuelle Umsetzung in einem kargen, aber kraftvollen Schwarz-Weiß. Es scheint, als hätte die Art, wie das Gespann diese zwei entscheidenden Momente der tschecheslowakischen Geschichte verbindet, etwas zum Thema gemacht, das lange verschwiegen wurde.

 

Bezeichnend ist, wie lang es dauerte, bis »Alois Nebel« ins Deutsche übertragen wurde — es brauchte offenbar die gleichnamige Kinoadaption des Stoffes durch Tomáš Lu?ák, bis sich ein bundesdeutscher Verlag darantraute. Aber wen wundert es? So aufgeladen wie der ganze sudentendeutsche Komplex immer noch ist.

 

Im Sommer 2011 konnte man »Alois Nebel« in Tschechien kaum entkommen, so allgegenwärtig war er in sämtlichen Medien. Ehrerbietig geht Langfilm-Debütant Lu?ák mit der Vorlage um: Der Animationsfilm versucht, Švejdíks Bildsprache perfekt umzusetzen; was nicht nur heißt, den Zeichenstil zu kopieren (das ist leicht), sondern auch Entsprechungen zu finden. Etwa dafür, wie Švejdík seine Seiten gestaltet, also den Rhythmus der Comics anlegt. Lu?ák hat die verschüchterte Bedächtigkeit in seinem »Alois Nebel« gut umgesetzt. Wichtiger aber ist, wie Rudiš, Švejdík und Lu?ák ihr Thema in den Griff bekommen haben: »Alois Nebel« ist die Personifizierung sämtlicher Vertreibungstraumata — so ist, was den Sudentendeutschen widerfuhr, ein Beispiel von vielen. Einerseits ist dies auch eine Flucht nach vorn — Opfer historischer Umstände kann jeder sein, und Verwicklungen dieser Art gab es viele im 20. Jahrhundert. Andererseits ist die Figur Nebels aber auch sehr nuanciert, erdet so vieles,
was sich ansonsten sicher ins Wohlgefallen des bürgerlich-humanistischen Nettmeinens auflösen würde.

 

Alois Nebel (dto) CS/D u.a. 2010, R: Tomáš Lu?ák, 84 Min.