Von Caligari zu Ivory

 

Zwei Kölner, die Filmgeschichte schrieben: Das Filmhaus erinnert an die Geschwister Prawer

 

Vom Tod des Germanistikprofessors Siegbert Salomon Prawer im April vergangenen Jahr nahm kaum jemand Notiz. Für Akademiker, selbst wenn sie in Oxford lehren, interessiert sich die Öffentlichkeit selten. Ein Jahr darauf starb auch Prawers Schwester, die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala, was aber zumindest die überregionalen Medien vermeldeten. Die Kölner Medien verschliefen den Todestag weitgehend, dabei war Prawer Jhabvala die erfolgreichste Kinoschaffende, die diese Stadt jemals hervorgebracht hat — schließlich gewann sie zwei Oscars für ihre Drehbücher zu »Howards End« und »Zimmer mit Aussicht«. Wobei sich auch ihr Bruder Siegbert Salomon um die Filmgeschichte verdient gemacht hat: »Caligari‘s Children: The Film as Tale of Terror« (1980), seine Studie zum Horrorfilm, gilt als Standardwerk.

 

Als späte Würdigung veranstaltet das Filmhaus in Zusammenarbeit mit der StadtRevue nun im Dezember zwei Abende zur Erinnerung: In memoriam S.S. Prawer (wie er sich abzukürzen pflegte) wird der erste Horrorfilm gezeigt, der ihn beeindruckte: Victor Halperins faszinierender »White Zombie« (1932). Und zu Ehren von Ruth Prawer Jhabvala wird James Ivorys »Zimmer mit Aussicht« (1985) zu sehen sein.

 

Siegbert Salomon (Jahrgang 1925) und Ruth (Jahrgang 1927) stammten aus einer interessanten Familie: Ihre Mutter Eleonora war die Tochter eines Kantors, der in der Kölner Synagoge wirkte, ihr Vater Marcus kam aus Polen und arbeitete als Anwalt. Die jüdische Religion, sagte Ruth einmal, spielte daheim allerdings kaum eine Rolle — salopp gesagt: Karneval wurde inbrünstiger gefeiert als das Purimfest. Sie erinnerte sich an ihre frühe Kindheit als eine glückliche Zeit — zumindest den ersten Teil davon. Das sechste bis zwölfte Lebensjahr aber verschlangen die Nazis — die Jahre 1933 bis 1939 waren in ihrem Gedächtnis allein ein schwarzes Loch.

 

1939 emigrierte die Familie nach England. Ruth setzte nie mehr einen Fuß auf deutschen Boden. Bis ans Ende ihres Lebens fühlte sie sich heimatlos, getrieben, um Erfahrungen von Glück und Geborgenheit beraubt. Der Großteil ihrer Romane und Drehbücher — fast allesamt Adap--tionen von Literaturklassikern für Filme James Ivorys —, drehen sich um Gefangenschaft und existentielle Verlorenheit.

 

Die Shoah selbst, bei der Dutzende Verwandte ihrer väterlichen Linie ermordet wurden, kam lange weder in ihrem Schaffen noch in persönlichen Aussagen zur Sprache. Siegbert Salomon thematisierte die Shoah dagegen wieder und wieder, speziell in seinem Schaffen zum Horrorfilm. Im Gegensatz zu seiner Schwester ging für ihn der Schrecken von Flucht und Fremde einher mit einer Sehnsucht nach Heimat, den Erinnerungen an jenes Deutschland, das er in den Werken vor allem Heinrich Heines fand.