»Wir brauchen eine postnationale Erinnerungskultur«

Der Landschaftsverband Rheinland hat das Themenjahr »1914 — Mitten in Europa« eröffnet. Ein Gespräch mit Projektleiter Thomas Schleper

Herr Dr. Schleper, welche Rolle spielte das Rheinland am Vorabend des Ersten Weltkriegs? Eine sehr große. Zum einen durch seine strategische Position an der Westgrenze des Kaiserreichs. Der Rhein ist ja seit jeher umstritten gewesen zwischen Frankreich und Deutschland. Zudem bot er eine hervorragende Projektionsfläche für nationale Mythen und ideologische Muster: denken Sie an die Loreley, die »Wacht am Rhein«, das Deutsche Eck. Dann gab es im »Kraftraum Rhein-Ruhr« wichtige Industrien, zum Beispiel Krupp in Essen, oder die chemische Industrie mit Bayer in Leverkusen. Und schließlich ist ja auch der Einmarsch ins neutrale Belgien 1914 von hier aus erfolgt. Über die Kölner Hohenzollern Brücke rollten die Züge zur Front.

 

»Das Rheinland ist die europäische Region, in der sich die Ambivalenzen jener Epoche wie in einem Brennglas gebündelt haben«, heißt es im Manifest des Beirats. Können Sie diese Ambivalenzen erläutern?  Es gab in der  industrialisierten Moderne ein irritierendes Nebeneinander von hochentwickelter Kunst und Kultur, städtebaulicher Dynamik und agiler Wirtschaft, und gleichzeitig ein hohes Aggressionspotenzial. Diese Janusköpfigkeit kann man besonders gut anhand des Rheinlands zeigen. Ein Beispiel: In Wuppertal gab es eine genossenschaftlich organisierte Brotfabrik, die für das gesamte Reich produzierte, nach modernsten Methoden und mit vergleichsweise hohen Frauenlöhnen. Diese so fortschrittliche Fabrik konnte von heute auf morgen auf Kriegswirtschaft umgestellt werden. Oder die Bayer-Werke, wo heilsames Aspirin produziert wurde, aber auch tödliches Giftgas. Erschreckend ist das Rheinland auch in Bezug auf die Herausbildung eines zum Teil extremen Nationalismus vor dem Kriegsausbruch. Das funktionierte auch hier, obwohl es ein starkes Regionalgefühl gab mit historisch engen Beziehungen nach Frankreich, lag doch Paris näher als Berlin.

 

Was ist ihr Ansatz, um diesen Krieg 100 Jahre später zu thematisieren? Wir wollen nicht nur die Fortschritte in der Kunst darstellen, die neuen wissenschaftlichen Entdeckungen oder den wirtschaftlichen Aufschwung am Vorabend des Krieges, sondern eben auch die wachsenden Gefährdungen der damaligen Zeit. Das schaffen wir nur, indem wir die ganze Epoche ins Blickfeld rücken. Auch deshalb finden die Ausstellungen nicht nur in den LVR-Museen statt, sondern wir arbeiten auch mit dem Ruhrmuseum Essen, dem Lehmbruck-Museum in Duisburg und Museen in Köln zusammen. Wir wollten auch ganz bewusst keinen »provinziellen« Ansatz. Wir sprechen vom Rheinland »mitten in Europa«, haben entsprechend einen internationalen wissenschaftlichen Beirat ins Leben gerufen, mit Mitgliedern aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. 

 

Der australische Historiker Christopher Clark hinterfragt in seinem 2013 erschienenen Buch »Die Schlafwandler« die Rolle Deutschlands als Hauptkriegsschuldigen und sieht stattdessen vielmehr eine Kollektivschuld fast aller beteiligter Europäer. Teilen Sie diese Ansicht? Es gab ja die berühmte Fischer-Kontroverse in den 60er Jahren, in der es um das Weltmachtstreben Deutschlands und seine Verantwortung für die Auslösung des Ersten Weltkrieges ging. Meines Erachtens zielt Clark darauf ab, die Frage nach der Kriegsschuld stärker europäisch zu kontextualisieren. Das ist ein Ansatz, den auch wir versuchen. Denn wir brauchen endlich eine postnationale Erinnerungskultur, aber ohne die Schuldfrage zu vernachlässigen, ohne die große deutsche Verantwortung  kleinzureden.

 

An der Ausstellungssequenz sind bis Anfang 2015 insgesamt zwölf Ausstellungshäuser beteiligt, es gibt eine Vielzahl von Veranstaltungen. Wo fange ich am besten an? Wenn Sie historisch vorgehen wollen, würde ich mit dem LVR-Landesmuseum Bonn beginnen. In der gerade eröffneten Präsentation »Welt in Farbe« geht es um einen Versuch, den Krieg doch noch zu verhindern, eine bemerkenswerte Friedensinitiative vor 1914. Ein französischer Bankier namens Albert Kahn, der u. a. mit afrikanischen Goldminen steinreich geworden ist, hat mit den ersten Farbfotos ein Bildarchiv der Kulturen der ganzen Welt zusammengestellt, um Sympathien und Verständnis für alle Mitmenschen zu wecken. Diese Bilder sind nun erstmals in Deutschland zu sehen. Eine ganz ruhige, ganz pazifistische Schau — die dann doch in den Krieg mündet.